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2017_Synoden 1. Hälfte

Synode ELK Bayern: Startschuss für Reformprozess „Profil und Konzentration“: niederschwelligen Zugang zur Liebe Gottes eröffnen.

04/2017

Die bayerische Landessynode tagt vom 26. bis 30. März in Coburg

Mit großer Mehrheit beschloss die Landessynode die Weiterarbeit an dem Konzept „Profil und Konzentration“ (PuK), mit dem sich die Kirche auf allen ihren Ebenen neu aufstellen und mit ihren Angeboten auf die Lebenswirklichkeit der Menschen eingehen will. Das Reformpaket reicht von Arbeitsstrukturen und dem Zuschnitt der kirchlichen Arbeit in neuen Räumen bis zur Positionierung der Kirche in der digitalen Welt.

Ziel ist ein grundlegender Perspektivwechsel: Geprägt von geschichtlich gewachsenen kirchlichen Strukturen hat man bisher häufig darauf gewartet, dass die Menschen zur Kirche kommen. Künftig sollen die Aufgaben der Kirche wesentlich stärker aus der Perspektive der Mitglieder definiert werden mit dem Ziel, Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einen niederschwelligen Zugang zur Liebe Gottes zu eröffnen. … Mehr dazu.

Synode Württemberg: „Notwendige Anpassungsvorgänge guten Mutes gestalten“: Reduktion der Pfarrstellen um ca. 2% p.a. bis 2024 bei aktuellen Höchstwerten der Kirchensteuereinnahmen.

Tagung der 15. Evangelischen Landessynode
vom 16. bis 18. März 2017

„Bis zum Jahr 2024 13,2 Prozent weniger Pfarrstellen vorgesehen, obwohl die Kirchensteuereinnahmen momentan Höchstwerte erreichen. Zur Entlastung sind 30 Vollzeit-Diakonenstellen, die auf die Kirchenbezirke der Landeskirche geplant…“

„In seinem Bericht warb Oberkirchenrat Wolfgang Traub darum, „notwendige Anpassungsvorgänge an sich vollziehende Entwicklungen nicht zu dramatisieren, sondern guten Mutes, im Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit zu gestalten“.

Mehr dazu, vgl. S. 1

Synode Württtemberg: Zentrale Anstellung für den Diakonat.

Tagung der 15. Evangelischen Landessynode
vom 16. bis 18. März 2017

Viele Kirchenbezirke und Kirchengemeinden
haben Diakonatsstellen abgebaut, um Personalkosten
zu sparen. Pfarrer Matthias Hanßmann,
Vorsitzender des Strukturausschusses, beantragte
daher, dass Diakoninnen und Diakone künftig bei
der Landeskirche zentral angestellt werden sollen.

Mehr dazu, Vgl. S. 7

Ein Schiff auf Sand. Anmerkungen zum Zustand der Ev. Kirche im Rheinland im Jahr des Reformationsjubiläums. Von Hans-Jürgen Volk.

01/2017

Martin Luther war wahrhaftig kein Heiliger. Prägend für den Protestantismus ist jedoch sein Auftritt auf dem Wormser Reichstag 1521. Das Schicksal von Jan Hus noch im Gedächtnis, der trotz Sicherheitszusagen im Rahmen des Konstanzer Konzils als Ketzer verbrannt worden war, widersetzt sich Luther dem autoritären Ansinnen auf Widerruf seiner Positionen, wie er sie insbesondere in den 1520 erschienen Schriften „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ zum Ausdruck gebracht hatte. Luther sagte damals: „… wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“

Trotz des Netzwerks an Unterstützern, zu dem eine Reihe von einflussreichen Landesfürsten gehörte, offenbart diese Haltung Mut. Ein einzelner Theologe stellt sich der sich selbst sakralisierenden Großorganisation „Kirche“ entgegen, die in der damaligen Zeit keinerlei Skrupel hat, vermeintliche oder tatsächliche Widersacher auf demütigende und schmerzhafte Weise ins Jenseits zu befördern.

Offene Debatten nicht gewünscht!
Blickt man auf die Landessynoden der Ev. Kirche im Rheinland (EKiR) der vergangenen Jahre, so wird man von diesem mutigen, widerständigen und organisationskritischen Geist Luthers bestenfalls Spurenelemente ausmachen können. Es ist zu befürchten, dass sich dies auch bei der Landessynode im Jahr des Reformationsjubiläums kaum anders darstellen wird.
Diese fehlende Debattenkultur hat für die EKiR schädliche Nebenwirkungen. Falsche Weichenstellungen werden so verstetigt. Neue Fakten, die diese falschen Weichenstellungen in Frage stellen, werden nicht genügend wahrgenommen oder gänzlich ignoriert. Offenkundige Baumängel werden nicht behoben, sondern hinter Putz verbaler Euphemismen verborgen. Dies gefährdet zunehmend die Statik des gesamten Kirchengebäudes.
Es wird immer deutlicher, dass die grundsätzlichen Bedenken im Blick auf zentrale Umbauprojekte wie der Verwaltungsstrukturreform, der Einführung des neuen kirchlichen Finanzwesens (NKF) oder zum Thema „Personalplanung“ mehr als berechtigt waren. Empfohlen sei eine durchaus kritischer Blick die „Zwischenrufe“ und hier vor allem auf die Beiträge aus dem Jahr 2011 unter den Rubriken EKiR, „Kirche und Geld“ und „Landessynode“. Leider ist aus heutiger Sicht festzustellen, dass die damaligen Befürchtungen vielfach durch die Realität negativ überboten worden sind.
In etlichen Kirchenkreisen haben sich die Vollzeitstellen in der Finanzverwaltung vervielfacht. Begründet wird dies in der Regel mit dem erhöhten Aufwand durch das NKF. Aber auch in anderen Arbeitsfeldern kommt es, beflügelt durch die von der Kirchenleitung empfohlenen Vorgaben zur Personalbemessung, zu einem Stellenaufwuchs bei den zentralen Verwaltungen.
Die Kosten für den erhöhten Finanzbedarf tragen überwiegend die Kirchengemeinden, deren Finanzlage in einigen Regionen der Landeskirche immer prekärer wird.
Der Personalplanung der Kirchenkreise wird hierdurch die finanzielle Basis entzogen. Stellen im Küsterdienst, in der Jugendarbeit oder der Kirchenmusik sind gefährdeter denn je. Gemeindefusionen werden vorangetrieben und kirchliche Häuser aufgebeben, auch um die gestiegenen Verwaltungskosten zu stemmen. Nahezu überall werden Stellen reduziert, in jedem Fall gilt dies immer noch für den Pfarrdienst. Gegen den Trend wächst in der EKiR zur Zeit alleine die Verwaltung.
Von dem an sich guten Gedanken des „Personalmix“ kann angesichts einer derartigen Entwicklung keine Rede mehr sehr. In einigen Kirchenkreisen ist absehbar, dass in wenigen Jahren bei ungebremster (Fehl-)entwicklung die Anzahl der Vollzeitstellen in der zentralen Verwaltung mindestens doppelt so hoch sein werden, wie z.B. im Pfarrdienst. Die bittere Wahrheit ist, dass, um die steigenden Verwaltungskosten zu schultern, Stellen in anderen Arbeitsfeldern reduziert oder ganz gestrichen werden und Einrichtungen wie Jugendzentren, Büchereien oder Kindertagesstätten bedroht sind.
Es wäre die Aufgabe der Landessynode, eine gründliche Evaluation dieser Umbauprozesse zu fordern. Die Pflicht insbesondere der Superintendenten aus strukturschwachen Regionen wäre, die prekäre Situation in ihren Kirchenkreisen offensiv zu thematisieren. Man darf gespannt sein!

Die Fiktion von einer „Kirche mit leichtem Gepäck“
Das Kirchenschiff der EKiR hat kräftig Schlagseite und hängt fest auf der Sandbank aufreibender Selbstbeschäftigung, mit der man es nunmehr vor allem in den Kirchenkreisen zu tun hat. Trotz des enormen Aufwands zeigen wichtige „Kennzahlen“ wie die Mitgliederentwicklung oder die Teilnahme an unseren Gottesdiensten tendenziell nach unten. Es geht nicht voran, jedenfalls nicht in die richtige Richtung.
Im Rahmen der Sondersynode von Hilden entwickelte Manfred Rekowski das Bild von einer „Kirche mit leichtem Gepäck“. Ein enormer Finanzalarmismus veranlasste die Synode dazu, ein drastisches Sparprogramm zu beschließen.
Basis der den Beschlüssen zu Grunde liegenden Berechnungen war ein Netto-Kirchensteueraufkommen von 575,4 Mio. € sowie ein strukturelles Defizit im landeskirchlichen Haushalt von ca. 8. Mio. €. Ausgelöst wurde der schon damals nicht plausible Finanzalarmismus durch die nach den EKD-Vorgaben des sog. „erweiterten Solidarpakts“ zu geringe Ausfinanzierung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche.
Die Sondersynode in Hilden folgte der Kirchenleitung und beschloss im November 2013, ein Sparpaket („Aufgabenkritik“) in Höhe von 8 Mio. € bereits bis 2015 und weitere Kürzungen in Höhe von 12 Mio. € bis 2018 auf den Weg zu bringen. Insgesamt sollte der Haushalt der Landeskirche um drastische 35% reduziert werden.
Mittlerweile hat sich die Einnahmesituation der EKiR derart verbessert, dass den damaligen Beschlüssen jegliche sachliche Grundlage entzogen ist. Seit 2005 erleben wir eine Phase stetig steigender Kirchensteuereinnahmen, die lediglich durch die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 etwas gedämpft wurde. 2005 gab es ein Nettokirchensteueraufkommen von 492 Mio. €. Für 2017 können wir mit einem Betrag von 710 Mio. € planen. Dies entspricht einer Steigerung von 218 Mio. € (30,70 %). Im Vergleich zu 2013 ergibt sich eine beachtliche Steigerung von 134,6 Mio. €. (18,87%), was deutlich macht, dass sich die positive Entwicklung bei den Kirchensteuereinnahmen verstärkt hat.
Da ist es verblüffend offen, wenn in der Drucksache 1.2 „Bericht über den Stand der Umsetzungen aus der Aufgabenkritik und zur Weiterarbeit an der Umsetzung der Haushaltskonsolidierung“ folgender Satz zu lesen ist: „Unabhängig von Veränderungen gegenüber der Ausgangssituation im Jahr 2013 hält die Kirchenleitung an den Zielen der Aufgabenkritik und der Haushaltskonsolidierung fest. Die angestrebten Veränderungen sind notwendig, um auch in Zukunft handlungsfähig zu bleiben.“
Sparen als purer Selbstzweck? – Wohl eher nicht. Es geht tatsächlich um eine Umschichtung von Mitteln. Organisation und Verwaltung werden gestärkt. Mindestens 25% des Netto-Kirchensteueraufkommens dienen zur Absicherung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche. Überall dort, wo Menschen in direktem Kontakt mit Menschen arbeiten, werden Mittel abgezogen, Einrichtungen geschlossen und Stellen abgebaut.
Das schwere Gepäck explodierender Verwaltungskosten sowie in astronomische Höhen steigender Finanzabflüsse, die zur Kapitalbildung dienen, bringt das Kirchenschiff in Schräglage. Wäre einem an einer positiven Entwicklung kirchlicher Arbeit gelegen, so würde man angesichts der positiven Entwicklung bei den Kirchensteuereinnahmen durch eine moderate Senkung der Versorgungsicherungsumlage um 2-4 Punkte etwas Luft geben. So aber pumpt man alles, was man hat in Richtung Versorgungskasse und offenbart damit ein geradezu naives Zutrauen in die zukünftige Integrität der Finanzmärkte.

„Ohne Druck geht es nicht“
Auf S. 5 und 6 der Vorlage werden u.a. die sozialen Folgen des Sparkurses angesprochen. Zu loben ist auch hier wieder die Offenheit in der Analyse, aus der hervorgeht, dass gering Qualifizierte und hier wiederum vor allem Frauen am stärksten betroffen sind. Deutlich wird, dass hier rote Linien überschritten werden. Obwohl theoretisch genügend Finanzmittel vorhanden wären, verlieren vor allem die „Kleinen“ durch Stellenstreichungen und Outsourcing gesicherte Arbeitsplätze.
Warum hält man derart ideologisch am einmal eingeschlagenen Kurs fest, obwohl sich die Finanzlage deutlich verbessert hat?
Es gibt starke Indizien dafür, das hinter all dem das simple, jedoch zutiefst autoritäre und elitäre Ressentiment steht, ohne Finanzdruck käme man nicht zu den gewünschten strukturellen Veränderungen. Ich möchte dies am Beispiel des „Hauses der Stille“ verdeutlichen.
Es ist eine politische Entscheidung, ob man eine derartige Einrichtung vorhalten möchte oder nicht. Ich persönlich gehöre zu denen, die einen derartigen Ort gerade in unseren hektischen Zeiten für unentbehrlich halten. Dann allerdings sollten man denen, die dort die fachliche Arbeit leisten, auch den Rücken freihalten. Das Gegenteil geschieht. Auf S. 19 der Vorlage wird festgehalten, dass von den angestrebten 333.430 € an Einsparvolumen bereits 263.430 € erreicht worden sind. Es bleibt ein Restbetrag von 70.000 €. Dennoch lassen die Beschlussvorschläge die Zukunft dieser Einrichtung weiter offen, was zwangsläufig die dort Beschäftigten unter Druck setzen muss. Noch einmal, es geht um 70.000 €, mehr nicht. Kirchenkreise stocken im Augenblick in erheblich größerem Umfang Stellen insbesondere in der Finanzbuchhaltung auf. 70.000 € sind in etwa die Kosten für einen qualifizierten Finanzbuchhalter. Eine Kirche, die derart schräg ihre Prioritäten setzt, ist auf dem falschen Weg.
Ceterum censeo: In strategischer Hinsicht betreibt die EKiR Selbstdemontage. Sie entwickelt sich zu einer Behördenkirche mit gut ausgebauter Investmentabteilung, der die Basis mehr und mehr wegbricht. Eine Umkehr, wie das „Wormser Wort“ sie fordert, ist dringlicher denn je.

Synode EKiR: nächste Stufe im Wettbewerb um die Finanzressourcen der Kirche: Grundlegende Veränderung der Kirchenmitgliedschaft in der EKiR. Von Manfred Alberti, Pfr. i.R.

01/2017, Manffred Alberti

Kritische Anmerkungen zur Vorlage/Drucksache 24 der Landessynode 2017

Die Rheinische Landeskirche stellt die Kirchenmitgliedschaft ihrer Gemeindeglieder auf eine neue Grundlage: Zukünftig soll jedes Gemeindeglied frei wählen können, zu welcher Gemeinde es gehören will und wer seinen Kirchensteueranteil bekommt. Das ist die Konsequenz der auf der Landessynode im Januar 2017 zu behandelnden Vorlage 24 zur Zulassung neuer Formen von Gemeinden. In Zukunft soll es nicht nur die normalen Parochialgemeinden geben, zu denen alle Gemeindeglieder gehören, die in einem bestimmten Gebiet wohnen, sondern es sollen gleichberechtigt Personalgemeinden entstehen, zu denen sich Gemeindeglieder frei ummelden können. Personalgemeinden können Gemeinden mit einer bestimmten theologischen Ausrichtung sein, z.B. sehr fromm, mit konservativer Liturgie, Jugendgemeinden oder auch fremdsprachige Gemeinden. Gleichzeitig sollen aber auch Gemeinden sich als Profilgemeinden (mit besonderen geistlichen, kirchenmusikalischen, kulturellen oder jugendbezogenen Schwerpunkten) profilieren, um daran interessierte Personen für sich anzuwerben. Die Rheinische Landeskirche nimmt mit dieser grundsätzlichen Änderung der Gemeindemitgliedschaft eine Anregung der EKD-Schrift „Kirche der Freiheit“ von 2006 auf, die „die frei gewählte Zugehörigkeit der Kirchenmitglieder zu einer bestimmten Gemeinde“ ebenso wie den „Wettbewerb unter den Gemeindeformen und -angeboten“ empfiehlt. Damit wird den Gemeinden erstmals die Möglichkeit eröffnet, durch Abwerben von Gemeindegliedern anderer Gemeinden neue Gemeindeglieder und neue Finanzmittel zu bekommen. Umgemeindungen waren auch bisher möglich, hatten aber keine Auswirkungen auf die Kirchensteuerzuweisung.
Was beim ersten Hören wie ein wünschenswerter Fortschritt in Richtung auf Offenheit, auf bessere Orientierung an den Wünschen der Gemeindeglieder und auf gesunden Wettbewerb klingt, offenbart aber sehr schnell gravierende Nachteile.

Zentrale Aufgaben einer Kirche sind die Verkündigung des Evangeliums und daraus folgend die diakonische Arbeit. Beide Aufgaben entziehen sich aber einem Wettbewerb um neue Gemeindeglieder. Verkündigung kann und muss auch anstößig sein und darf sich nicht den Wünschen von Gemeindegliedern unterordnen. Diakonische Arbeit und auch Seelsorge geschehen im Stillen und eignen sich nicht als Werbeträger, um neue Gemeindeglieder von außerhalb zu gewinnen.

Wenn aber Gemeinden, um ihre Existenz zu sichern, ihr Profil nach werbewirksamen Gesichtspunkten ausrichten müssen, dann verändert sich die evangelische Kirche. Innenstadtgemeinden mit repräsentativen Kirchen, begnadeten Predigern, mit exzellenter Chorarbeit und öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen werden leicht Gemeindeglieder aus anderen Gemeinden und Kirchenkreisen abwerben können. Immerhin ließe sich mit einhundert abgeworbenen Gemeindegliedern eine Halbtagskraft für die eigene Gemeindearbeit finanzieren. Gemeinden in sozialen Problembezirken mit diakonischen Schwerpunkten oder seelsorglich ausgerichtete Gemeinden können dagegen kaum etwas Werbewirksames ausstrahlen: Sie sind die Verlierer, die zudem ihre sozial besser gestellten Gemeindeglieder leicht an die attraktiven Innenstadtgemeinden verlieren. Die Starken werden stärker, die (sozial) schwachen Gemeinden werden noch schwächer. So verändert sich Kirche: Von einer solidarisch verbundenen Gemeinschaft der Gemeinden zu einem zerstörerischen Wettbewerb einer gegen den anderen.

Damit verändert sich auch die Arbeit der Pfarrer und Pfarrerinnen. Ob man es will oder nicht: Die Zahl der abgemeldeten oder der neu angeworbenen Gemeindeglieder wird zum Maßstab für die Qualität der pfarramtlichen Arbeit. Auch hier sind die diakonisch und seelsorglich engagierten Pfarrerinnen und Pfarrer die Verlierer: Ihre gute Arbeit im Sinne des Evangeliums hat keine öffentlichkeitswirksame Relevanz. Sie werden sich immer wieder vor Gemeindegliedern, Presbytern und ihrem vorgesetzten Superintendenten rechtfertigen und mit andauernden Diskussionen um einen „Trainerwechsel“ leben müssen. Eine gedeihliche evangeliumsgemäße Gemeindearbeit kann unter solchem Wettbewerb nicht gelingen.

Die Zukunft: Pfarrer werden einen nicht unerheblichen Teil ihrer Arbeitszeit dem Werben um alte und neue Gemeindeglieder widmen müssen. Trauungen Auswärtiger nur noch nach Gemeindewechsel, Chancen auf einen Kindergartenplatz nur für Gemeindeglieder, Chor- und Frauenhilfsmitglieder aus anderen Gemeinden sollten sich und möglichst ihre Familien ummelden, damit die Arbeit auch nächstes Jahr noch fortgeführt werden kann. Verwandte, Bekannte und Freunde der Pfarrerin von außerhalb werden sich zu einer Umgemeindung gedrängt fühlen, um die Pfarrstelle zu sichern. Und es wird Streit in Familien getragen, ob man nun zu der Gemeinde gehören will, in deren Chor die Mutter singt, oder ob man lieber die tolle Jugendarbeit einer anderen Gemeinde unterstützen möchte, von der der Sohn so begeistert ist. Vielleicht teilt sich die Familie auf oder man wechselt nächstes Jahr wieder. Die Verwaltung freut sich über viele neue Arbeit.

Unvermeidlich wird der Gemeindewettbewerb auch Streit zwischen benachbarte Gemeinden bringen: Neid, Eifersucht, Verärgerung und Streit lassen sich im Konkurrenzkampf nicht vermeiden. Aus einer Kirche sich solidarisch finanzierender Gemeinden wird eine streitende Kirche. Der konkurrierende Streit der Gemeinden zerstört viel Attraktivität und stößt ab.

Den Wettbewerb der Gemeinden dadurch anzufachen, dass sie durch neue Gemeindeglieder mit ihren Kirchensteueranteilen zusätzliche Finanzmittel bekommen können, dürfte manche Kirchenkreise in eine Zerreißprobe führen. Der Wettbewerb um Gewinne hinterlässt Verlierer. Die Verkündigung des Evangeliums eignet sich nicht für Konkurrenzkämpfe wie in der Wirtschaft oder im Fußball: Es darf keine erste Bundesliga öffentlichkeitswirksamer Großstadtgemeinden geben, während die Gemeinden mit gemeindegliedernaher seelsorglicher und diakonischer Arbeit in der Kreisklasse spielen. Sofern sie überhaupt überleben können. Denn die EKD empfiehlt für die kleiner werdenden (Verlierer-) gemeinden, sie doch als Regionalgemeinden zusammenzufassen.

Anscheinend hat die EKD – Mitgliedschaftsanalyse von 2014, die sehr deutlich die (parochiale) Ortsgemeinde als weitaus wichtigste Verknüpfung der Gemeindeglieder zu ihrer Kirche herausstellte, im Rheinland noch keinen Widerhall gefunden. Erstaunlich, wo sich selbst führende Köpfe der EKD inzwischen längst von dem Denkmodell der „Kirche der Freiheit“ von 2006 mit ihren vermeintlich werbewirksamen Leuchtfeuern losgesagt haben.
Hinweis: Eine kritische Bestandsaufnahme der EKD-Reformen „Kirche der Freiheit“ von 2006 mit ihren Auswirkungen auf die Gemeinden in verschiedenen Landeskirchen (Z.B. der EKiR) finden Sie in dem Buch von Gisela Kittel / Eberhard Mechels (Hg): Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, neukirchener theologie, Göttingen 2016
LS 2017, Drucksache 24
Vorlage der Kirchenleitung an die Landessynode

… 4. Öffnung für neue Formen
Zu diesem Zweck eröffnet die Landessynode neben der vertrauten Organisationstruktur
der Kirchengemeinden die Option, in neuen Formen Gemeinde
zu sein. Diese neuen Gemeindeformen sind Gemeinden, die den Kernbestand
des evangelischen Gemeindeverständnisses (siehe C 1) erfüllen,
und die sich jenseits der Kirchengemeinde im Sinne von Art. 5.1 (Parochie)
im Laufe der letzten Jahrzehnte gebildet haben und bilden. Sie sind durch
die Gruppenzugehörigkeit ihrer Gemeindemitglieder (Frömmigkeitsstile,
gemeinsame Sprache und/oder Herkunft, persönliche Lebensumstände,
kulturelle Milieus, gemeinsam geteilte Arbeitswelt, Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Generation) oder einen besonderen kirchlichen Ort (z.B. Citykirche)
begründet. Neben der Organisationsform der Kirchengemeinde werden
für neue Gemeindeformen folgende Modelle (5.1.- 5.4.) ermöglicht.
5. Modelle in Ergänzung zur Parochie…  Mehr dazu.