Archiv für das Jahr: 2014

Nein zu den Abbau- und Umbauprozessen in der Evangelischen Kirche. Die öffentliche Petition.

Angesichts zweifelhafter Resultate, sichtbar werdend u.a. an der 5. Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD, wächst die Kritik an den sog. Kirchenreformen. Das geschieht mittlerweile auch von Seiten der geistlichen Leitungen selbst wie etwa dem Bischof der Kirche Sachsens, Bohl. Vor kurzem forderte der Pfarrverein der Ev. Kirche im Rheinland gar ein Moratorium hinsichtlich der Kirchenreformen. Wir weisen auf die Online-Petition im Internet gegen sog. Reformprojekte hin,  die unsere evangelische Kirche schädigen, und bitten:

Als Mitglieder der Evangelischen Kirche lehnen wir die derzeitigen Abbau- und Umbauprozesse in der Evangelischen Kirche in Deutschland ab. Mit diesem Prozess entfernt sich die Kirche von den Menschen in Gemeinden und an der Basis. Dies wird mittlerweile auch von Personen in Leitungsfunktionen erkannt. Diese unterstützen wir, indem wir fordern:

– Gemeinden und Dienste/ Funktionen an der Basis müssen gefördert und gestärkt, statt reduziert und geschwächt werden.

– Die Mitgestaltung in der von unten aufbauenende synodalen Verfassung der Kirche Jesu Christi darf nicht durch die hierarchische Struktur und Unternehmensform eines Religionskonzerns ausgehöhlt und beseitigt werden.

– Die Verwaltung und Leitung hat den Gemeinden und Funktionen zu dienen und darf nicht länger zum Wasserkopf wuchern und das Kommando über die verantwortlichen Mitarbeitenden führen.

Unterstützen auch Sie die reformkritischen geistlichen Leitungskräfte und entsprechende Vereine und Personen aus der Pfarrerschaft. Unterstützen auch Sie die Petition durch Ihre Unterschrift und dadurch, dass Sie in Ihrem Umfeld, Freundes- und Bekanntenkreis dafür werben.

Weihnachten 1914: Weihnachtslieder im Schützengraben lösen kurzen Frieden von unten an der Westfront aus. Journalistische und wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas.

Hamburger Abendblatt, von Michael Jürgs

Dezember 1914, im Westen nichts Neues: Die Truppen des Deutschen Reiches haben sich in Sichtweite ihrer Gegner – Engländer, Franzosen, Belgier – in Schützengräben, bekränzt von Stacheldrahtverhauen, tief in den Lehmboden eingebuddelt. Die anderen halten es ebenso. Die Frontlinie des Stellungskrieges reicht vom Ärmelkanal bis zur Schweizer Grenze. Wie zwei blutrünstige Ungeheuer liegen sich die feindlichen Heere gegenüber. Oft nur hundert Meter voneinander entfernt. Doch in diesen Todesstreifen des Grauens geschieht Unglaubliches. Frieden bricht aus mitten im Krieg.

Anfangs ist es nur einer, der „Stille Nacht, Heilige Nacht“ vor sich hin singt. Leise klingt die Weise von Christi Geburt, verloren schwebt sie in der toten Landschaft Flanderns. Diesseits des Feldes, hundert Meter von diesem unsichtbaren Chor entfernt, in den Stellungen der Briten, bleibt es ruhig. Die deutschen Soldaten aber sind in Stimmung, Lied um Lied ertönt ein ungewöhnliches Konzert aus Tausenden von Männerkehlen rechts und links, wie einer nach Hause schrieb, bis denen nach „Es ist ein Ros‘ entsprungen . . . “ die Luft ausgeht. Als der letzte Ton verklungen ist, warten die Engländer drüben noch eine Minute, dann beginnen sie zu klatschen und zu rufen „Good, old Fritz“, und „Encore, encore“ und „More, more“. Zugabe, Zugabe…

Den Herren des Krieges auf beiden Seiten in den Generalstäben, weit ab von jedem Schuß, wird nach drei Tagen die weihnachtliche Ruhe unheimlich. Es droht daraus ein Frieden, beschlossen von unten gegen oben, zu wachsen. Das ist oben nicht erwünscht. Der Krieg dauerte noch viele Jahre und kostete rund neun Millionen Menschen das Leben. Das Wunder im Niemandsland blieb bis heute in allen Kriegen einmalig.

Zum Artikel im Hamburger Abendblatt

dazu das Buch:
Der kleine Frieden im Großen Krieg von Michael Jürgs
Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten

„Weihnachten an der Westfront 1914: Inmitten eines erbarmungslosen Stellungskrieges schließen deutsche, französische und britische Soldaten spontan Waffenstillstand auf Ehrenwort. Im Niemandsland feiern sie zusammen Weihnachten. Nach zwei Tagen ist es, auf Befehl von oben, wieder vorbei mit dem Frieden. Die Waffen sprechen wieder und der kleine Friedensschluß gerät im Dauerfeuer des Stellungskriegs bald in Vergessenheit.“ Zur Quelle.

Wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas:
Der Weihnachtsfrieden 1914 und der erste Weltkrieg als
neuer (west-)europäischer Erinnerungsort von SYLVIA PALETSCHEK, Prof. für Neuere und Neueste Geschichte, Freiburg

Originalbeitrag erschienen in: Barbara Korte (Hrsg.): Der ersten Weltkrieg in der populären Erinnerungskultur. Essen: Klartext 2008, S. 213-221


Am ersten Weihnachtstag 1914 kam es vor allem an Frontabschnitten in Flandern rund um Ypern zu massenweisen Verbrüderungen von deutschen mit englischen, französischen sowie belgischen Soldaten:‘ es wurde vereinbart, nicht aufeinander zu schießen, gemeinsam wurden Weihnachtslieder gesungen, die Toten im Niemandsland beerdigt, Zigaretten, Lebensmittel und Militärandenken getauscht, Fotos vom Zusammentreffen mit dem Feind gemacht und es wurde sogar Fußball gespielt (Weintraub war; Jürgs 2003; Jahr 2004; Brunnenberg 2006)…

Seit den 1980er Jahren wurde der Christmas truce dann zunächst in Großbritannien immer populärer, wobei hier die Erinnerung an dieses Ereignis vermutlich nie ganz verschwunden war, da es partiell über den literarischen Kanon, beispielsweise über die Erzählung des bekannten Schriftstellers Robert Graves (Graves 2007) oder durch das erfolgreiche Theaterstück und Musical über den Ersten Weltkrieg Oh What a Lovely War (1963) im kulturellen Gedächtnis bewahrt blieb.

… In Deutschland war es der Journalist Michael Jürgs, der mit seinem Ende 2003 erschienenen Buch. Der kleine Frieden im Großen Krieg den Weihnachtsfrieden einem größeren Publikum bekannt machte… Dass die Fachwissenschaft, wie es in Zeitungsartikeln hieß, dieses Ereignis nicht genügend gewürdigt oder sogar völlig übersehen hatte – ein Eindruck, den auch Jürgs in seinen Publikationen erzeugte – stimmte nur teilweise (Brunnenberg 2006: 4). So fanden sich in einer 1994 erschienenen Quellensammlung Texte zum Thema (Ulrich 1994) und auch in Modris Eksteins Rites of Spring (Ekstein 1989) wurde ausführlich darauf eingegangen. Doch kam diesem Ereignis, sicher nicht nur wegen mangelhafter Quellenlage – dies gilt besonders für Deutschland und Frankreich – keine besondere Aufmerksamkeit zu. Es war lange nicht an die den akademischen Diskurs beherrschenden Fragestellungen anschlussfähig, was sich erst mit der kultur- und erfahrungsgeschichtlichen Wende und dem Aufkommen erinnerungskultureller Fragen zögerlich änderte.

Dass der Weihnachtsfrieden von der populären Geschichtsproduktion zuerst in größerem Stil wieder entdeckt wurde lag daran, dass er eine wundersame Geschichte des so Unvorhersehbaren und nicht zu Vermutenden, des >trotz alledem< erzählt. Die Geschichte hat ein hohes Emotionalisierungspotenzial, in der die Menschlichkeit der >kleinen Leute< triumphiere.

 

„Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“. Debatte um eine andere Russlandpolitik.

„Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“
Roman Herzog, Antje Vollmer, Wim Wenders, Gerhard Schröder und viele weitere fordern in einem Appell zu einer realistischen Lagebeurteilung im Ukrainekonflikt und zum Dialog mit Russland auf. ZEIT ONLINE dokumentiert den Aufruf….

7. Dezember 2014, SZ, Von Heribert Prantl

In einem offenen Brief rufen 64 Prominente zum Frieden in Europa auf. Sie warnen davor, angesichts der Ukraine-Krise Russland zu dämonisieren. Dieser Aufruf hat Gewicht, nicht nur, weil sich unter den Unterzeichnern ein Altkanzler und ein ehemaliger Bundespräsident befinden.

 

Der Toleranzgedanke im Islam. Von Pfr. Dr. Rainer Oechslen, Islambeauftragter der Bayerischen Landeskirche

1. Der Islam versteht sich als die Vollendung der Offenbarungsgeschichte Gottes, die von Abraham über Mose und Jesus zu Muhammad hinführt. Ohne Zweifel hat Gott nicht nur zu Muhammad, sondern auch zu Mose und Jesus gesprochen – und überhaupt zu allen Propheten. Durch die „Herabsendung“ des Korans sind die früheren Worte Gottes aber überholt; zumindest müssen sie nun im Licht der endgültigen Offenbarung Gottes gelesen und verstanden werden.

2. Daraus ergibt sich, dass das Judentum und das Christentum im Herrschaftsbereich des Islams eine Sonderstellung einnehmen: Juden und Christen sind „Leute der Schrift“, die nicht verfolgt werden und deren Religionsausübung von den Regierungen garantiert werden muss, die aber – zumindest in der klassischen Zeit – nicht über Muslime herrschen dürfen. Wenn man Juden und Christen „kuffār“ (Plur. von kāfir) – „Ungläubige“ nennt, dann meint diese Bezeichnung einfach Nichtmuslime, ähnlich wie das Jüdische „Goi“ oder „Goim“.

3. Völlig anders steht es mit Polytheisten im Herrschaftsbereich des Islams. Der Islam in seinem radikalen Monotheismus kann die Existenz von „Götzenanbetern“ in seinem Herrschaftsbereich nicht hinnehmen. Diese müssen entweder den „Islam annehmen“ oder auswandern, wenn sie der Todesstrafe entgehen wollen. Ähnlich steht es mit dem modernen Atheismus. In einem konsequent islamischen Denken ist für explizite Gottlosigkeit kein Platz – wobei häufig ein Mensch, der sich um Gerechtigkeit bemüht, als „anonymer Muslim“ interpretiert wird. Zitat: „Weil Gerechtigkeit eine Eigenschaft Gottes ist, kann ein Mensch, der sich um Gerechtigkeit bemüht, nicht fern von Gott sein.“

4. Faktisch hat sich der Islam in der Begegnung mit anderen Religionen als erstaunlich flexibel erwiesen. Bei der Eroberung (Nord-) Indiens war der Islam mit Religionen (der Ausdruck „Hinduismus“ ist ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Religionen) konfrontiert, die teilweise zumindest äußerlich einem krassen Polytheismus huldigten. Dennoch hat sich unter den muslimischen Gelehrten die Meinung durchgesetzt, die Inder hätten auch heilige Schriften und seien also Anhänger einer Buchreligion und als solche zu respektieren.
Bei der Staatsgründung Indonesiens im Jahr 1945 entschied man sich dafür, keinen islamischen Staat zu gründen (obwohl 90 % der Bürger Muslime waren und sind). Man einigte sich auf die so genannte „Pancasila“, also auf fünf grundlegende Prinzipien. Eines davon ist die Anerkennung eines einzigen göttlichen Wesens. (Eine atheistische Weltanschauung ist also auch in Indonesien „verfassungswidrig“.) Dieser Regel entsprachen zunächst nur Islam und Christentum. Seither haben aber auch der Buddhismus, der Hinduismus (vor allem auf Bali) und sogar der Konfuzianismus nachweisen können, dass sie ein einziges göttliches Wesen anerkennen und deshalb zu den staatlich anerkannten Religionen gehören. Die indigenen Religionen hat man zum Teil als Sekten des Christentums und des Hinduismus interpretiert und damit ihren Anhängern auf einem Umweg Religionsfreiheit verschafft.

5. Nochmals zum Thema Umgang des Islams mit Juden und Christen: Als die Muslime im Jahr 636 Syrien eroberten, wurden sie von den meisten Christen begeistert begrüßt, denn die vorherrschende (ost-)syrische Kirche war wegen ihres nestorianischen Bekenntnisses unter erheblichem Druck der chalcedonensischen Reichskirche und damit des Staates gestanden. Ebenso begrüßten die Juden die Eroberung Jerusalems, denn sie waren einige Jahre zuvor von den Byzantinern aus der Stadt verwiesen worden. Der Status von Juden und Christen unter muslimischer Herrschaft war der von Bürgern zweiter Klasse (Dhimmis = Schutzbürger). Sie bezahlten eine Kopfsteuer und mussten dafür keinen Militärdienst leisten, eine Regelung, die man zeitweise sehr angenehm fand. Der Staat war an den – prinzipiell erwünschten – Übertritten zum Islam lange Zeit wenig interessiert, weil ihm an den Steuereinnahmen gelegen war. So blieb z.B. bis ins 13. Jahrhundert hinein die Mehrheit der Ägypter christlich. Lange Zeit waren die Leibärzte der Kalifen Christen und die Finanzverwaltung lag in der Regel in christlicher Hand – in Ägypten bis ins 18. Jahrhundert.
Mag der Status der Dhimmis häufig schwierig gewesen sein – etwa wegen der Rechtsunsicherheit, die es z.B. schwierig oder unmöglich machte, Übergriffe von Muslimen gegen Christen strafrechtlich zu verfolgen – es ging nach Überzeugung der allermeisten Historiker den christlichen Dhimmis unter der Herrschaft von Muslimen deutlich besser als es den Juden in Europa unter der Herrschaft von Christen ging.

6. Eine äußerst folgenreiche Veränderung ergab sich im 18. Jahrhundert abseits der Weltpolitik im Inneren Arabiens. Der Prediger Abd al-Wahhāb verband sich mit dem Fürstenhaus Ibn Saūd und konnte so seine Ideen durchsetzen. Die Grundidee war, die eigene Auffassung des Islams zur allein gültigen zu erklären.
Vorher galt die Regel, dass einem Muslim, der das Bekenntnis, die Shahāda, gesprochen hat, der Glaube von niemandem abgesprochen werden darf. Weil der Islam zwar Gelehrte kennt, aber keinen Klerus im christlichen Sinn und vor allem keine Hierarchie, musste die Meinung jedes Gelehrten als seine Auffassung des Islams akzeptiert werden. Nun „erfand“ Abd al-Wahhāb den „takfīr“, also die Möglichkeit, einen Muslim zum „kāfir“, zum Ungläubigen, zu erklären. Dies hatte dann, wenn der „neugebackene“ kāfir auch noch zum Feind des Islams erklärt wurde, unter Umständen tödliche Folgen. Verboten waren und sind im Wahhabismus alle Bräuche islamischer Volksfrömmigkeit, wie z.B. die Verehrung von Heiligengräbern.
Wenn auch noch erklärt wurde, dass allein der Islam der ersten Generationen der „reine Islam“ sei, alles was danach kam als „Neuerungen“ abzulehnen, dann wird aus dem Wahhabismus der Salafismus (as-salaf = die „Altvorderen“ = die ersten Generationen der Muslime).

7. Wahhabismus und Salafismus sind zunächst einmal intolerant gegen andere Auffassungen innerhalb des Islams. Neben die Möglichkeit, die reine Lehre mit Gewalt durchzusetzen, tritt im 20. Jahrhundert immer mehr die Förderung des „richtigen“ Islams durch finanzielle Zuwendungen. So waren die Wahhabiten die ersten, die nach dem Bürgerkrieg in Bosnien neue Moscheen bauten. Einen in Südosteuropa inkulturierten bzw. kontextuellen Islam durfte es nicht geben. Rechtgläubigkeit kam vor humanitärer Hilfe.
Aber auch die Korane, die im vergangenen Jahr in Deutschland von Salafisten verteilt wurden, waren in Saudi-Arabien gedruckt. Zurzeit ist Saudi-Arabien das einzige Land der Erde, in dem kein christlicher Gottesdienst stattfinden darf. Dass wir genau diesem Land Panzer verkaufen ist unverständlich, vor allem wenn man bedenkt, dass der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag erst jüngst ein Buch veröffentlicht hat, das die „Christenverfolgung“ in aller Welt anprangert.

8. Was man feststellen muss, ist dies: Zurzeit ringen im Islam – wie in den anderen Religionen – tolerante und intolerante Kräfte miteinander. Und es ist noch nicht entschieden, wie dieser Kampf ausgehen wird.

Rainer Oechslen

Die Vorgänge in Israel-Palästina in der deutschsprachigen Presse.

bearbeitet von Heinz Sigmund.

Religionskrieg in und um Jerusalem?

Der brutale Anschlag auf Beter in einer West-Jerusalemer Synagoge, die gewalttätigen Auseinandersetzungen auf und um den Tempelberg haben eine neue Diskussion über die religiöse Dimension des Nahost-Konflikts ausgelöst.
Der Schriftsteller Yali Sobol schildert in der NZZ eindrücklich wie sich die neue Gewaltwelle auf das Lebensgefühl auch regierungskritischer Israelis auswirkt.

Der bekannte Historiker Tom Segev („Es war einmal ein Palästina“, „Elvis in Jerusalem“ u. v.a.) kommentiert in einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ die Pläne der Noch-Regierung Netanjahus, den jüdischen Charakter Israels mit Beschränkung der Rechte der arabischen Minderheit fortzuschreiben.

In einem weiteren Interview mit Avi Primor, dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland, das auf DEUTSCHLANDRADIO zu lesen ist, äußert sich Primor ausführlich zur Frage nach der Bedeutung der Religion in den jüngsten Konflikten.

Die Meinungsbildung hierzulande über die Vorgänge in Israel, Westjordanland und Gaza sind häufig ideologiebelastet. Authentische Berichte gibt es freilich, sind aber in der Flut der Informationen nicht so leicht zu finden. Eine interessante ausführliche Reportage findet sich jetzt in „Cicero“ anlässlich einer Pressereise für eine international besetzte Journalistengruppe.

Ein kleines, aber wichtiges Hoffnungszeichen auch für die verfahrene Situation im Nahen Osten setzt die Aktion „Ferien vom Krieg“, die seit Jahren vom Komitee für Menschenrechte und Grundrechte organisiert wird. Micha Brumlik würdigt in der TAZ mit weihnachtlichen Gedanken diese beispielhafte Initiative.

 

Westliche Propaganda im Ukrainekonflikt

Der Bürgerkrieg in der Ukraine zeigt deutlich, wie stark unsere Eliten noch im Denken des kalten Kriegs verharren. Ein komplizierter Konflikt mit unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten wird vereinfacht in ein Schema von Gut und Böse gepresst. Vor allem der Journalismus enttäuschte viele kritische BürgerInnen. Zu häufig wurde ein verzerrtes Bild der Vorgänge gezeichnet und Informationen der Nato ohne Nachfrage übernommen.

Der Appell von 60 Prominenten für eine Entspannungspolitik und einen Dialog mit Russland war keine Nachricht wert. Der wahrscheinlich traurige Grund: Freitags haben ARD und ZDF weniger Zeit für ihre Nachrichten und waren mit der Innenpolitik beschäftigt.

Immerhin beginnt das ZDF das eigene Handeln kritisch aufzuarbeiten. Auch unsere Medien sind Teil der Propaganda. Warten wir ab, ob sich damit etwas ändert.

„…. und die im Dunklen sieht man nicht!“. Ein Erfahrungsbericht aus der heutigen Arbeitswelt innerhalb und jenseits der Ev. Kirche.

Ein Erfahrungsbericht aus der heutigen Arbeitswelt innerhalb und jenseits der Ev. Kirche

Von Hans-Jürgen Volk

„Die Kirchen stehen in der biblischen und christlichen Tradition von Recht und Erbarmen. Gott fordert die Menschen nachdrücklich dazu auf, aus Erbarmen zu handeln und sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen. Deshalb bemühen sich Christen um Arme, aber auch um gerechtere Strukturen in der Gesellschaft, die geeignet sind, Armut zu verhindern.“

„Die Kirchen sind als Arbeitgeber, Eigentümer von Geld- und Grundvermögen, Bauherr oder Betreiber von Einrichtungen und Häusern auch wirtschaftlich Handelnde. Sie können nicht Maßstäbe des wirtschaftlichen Handelns formulieren und öffentlich vertreten, ohne sie auch an sich selbst und das eigene wirtschaftliche Handeln anzulegen.“

Aus dem Sozialwort der Kirchen von 1997

„Man darf den Einzelfall nicht überbewerten und ihn erst recht nicht zur Grundlage von Entscheidungen machen!“ sagt mir mein Gesprächspartner. Recht hat er. Eine Überbewertung von singulären Erfahrungen führt zu Vorurteilen und Ressentiments. Fehlentscheidungen sind die Folge. Ergibt sich aus Einzelfällen jedoch ein Muster, dass mit statistischen Erhebungen korreliert, muss dies zu einer Neubewertung von Sachverhalten führen. Wer sich Alltagserfahrungen konsequent verschließt, bewegt sich stetig in ein Paralleluniversum weltfremder Ideologie.

Dass die Verhältnisse heutiger Arbeitswelten Menschen im wachsenden Ausmaß krank machen, belegen die regelmäßigen Berichte der Krankenkassen. Beunruhigend ist vor allem die steigende Anzahl psychischer Erkrankungen, die allzu oft in die Berufsunfähigkeit führen. Jetzt ist die Versuchung groß, einen sozialpolitischen Artikel zu schreiben. Denn vieles spricht dafür, dass die Hartz-Gesetze, die Privatisierung von einstmals öffentlichen Unternehmen sowie die Ausdehnung von Marktmechanismen bzw. Marktsimulationen auf weite Teile des verbliebenen öffentlichen Sektors wichtige Ursachen dieser Entwicklung sind. Doch ich möchte in erster Linie einige Geschichten von Menschen umreißen, die in dieser oft kalten Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft unter die Räder gekommen sind.

Zum Artikel.

Societas fidei – Die Kirche als Gesellschaft des Glaubens

Vor ein paar Jahren gab es einmal den Vorschlag, am Heiligen Abend in den überfüllten oder zumindest sehr, sehr gut gefüllten Kirchen die Plätze für die ständigen Kirchgänger zu reservieren, damit diese ihren Platz nicht streitig gemacht bekommen von denen, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen oder die möglicherweise sogar aus der Kirche ausgetreten sind. Die Weihnachtschristen oder „U-Boot-Christen“, wie es in einem wahrlich gehässigen Wort immer mal wieder heißt, müssten dann eben schauen, wo sie ihren Platz bekommen.

Die Diskussion, die sich an diesem Vorschlag entzündete, war durchaus bezeichnend für den Umgang mit der Frage: Wer gehört eigentlich zur Kirche dazu und wer nicht? Sie macht auch deutlich, wie groß an vielen Stellen die Sehnsucht nach der Kirche immer noch ist. Und sie zeigt ein wahrgenommenes hierarchisches Gefälle zwischen denen, die augenscheinlich dazugehören und denen, die dazukommen oder sich entfernt von der Kirche halten.
Die Gemeinden unserer Kirche, gemeint sind hier vor allem die Ortsgemeinden, die Menschen ihres Wohnortes wegen zusammenbringt, sind ausgesprochen komplexe und umfassende Gebilde. Sie sind eigene Gesellschaften, verwoben aus allen Teilen der örtlichen Bevölkerung. Es gehören Menschen beiderlei Geschlechts, unterschiedlichster Herkunft und Abstammung, unterschiedlichster Bildungsgrade und Lebenseinstellungen, unterschiedlichsten Alters und Berufs dazu. Ein Blick in den sonntäglichen Gottesdienst reicht, um dies auszumachen. Das gilt genauso für die Chöre und Musikgruppen wie für unsere Gesprächskreise und gerade auch für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das gibt es in unserem Land, in Europa, vielleicht in der ganzen Welt nicht besonders häufig, wenn es das so überhaupt noch irgendwo gibt.
Das macht die Gemeinden aus sich heraus so besonders wertvoll und zukunftsfähig, weil in ihr nicht Partikular- oder Einzelinteressen bedient werden, sondern der Individualisierung unserer Gesellschaft eine echte Gemeinschaft aller Menschen entgegengesetzt werden kann und häufig auch entgegengesetzt wird. Die Kirche und der Glaube sind eine Sache aller.
Gleichzeitig wird deutlich, dass sich manche Menschen vermehrt in der Kirche wiederfinden. Andere hingegen nur vereinzelt vorkommen. Da spielen persönliche Vorlieben in Musik und Lebensgestaltung eine Rolle. Da sind auch die berufliche Belastung und die familiäre Situation entscheidend. Wer etwa am Sonntagmorgen den einzigen gemeinsamen Familientermin in der Woche hat, wird sich schwer tun, eine oder eineinhalb Stunden davon für den Gottesdienst zu opfern.
Seit vielen Jahren schon macht sich nun die Kirche Gedanken darüber, wie mit diesem Befund umzugehen ist. Die Bevölkerung wird aus soziologischer Sicht betrachtet. Auch in diesen Untersuchungen wird deutlich, dass es einen unterschiedlich starken Umgang in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus mit der Kirche gibt und dass manche Gruppen in den einzelnen Gemeinden überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein scheinen. Sie gehören nicht dazu. Oder sie fühlen sich trotz Kirchengliedschaft nicht zugehörig. Aber sie sind da. Sie leben in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche. Die Verbindungslinien aber schwinden.
Wer gehört dazu? Wer nicht? Wer will dazu gehören? Wer möchte von der Kirche eigentlich lieber in Ruhe gelassen werden? Wessen Interesse ist schon komplett erloschen?
Es würde den Rahmen des Artikels sprengen, hier die verschiedenen Milieus vorzustellen, mit denen die Wissenschaftler und Kirchenleitungen derzeit arbeiten und versuchen, die Kirche auf neue Füße zu stellen, damit sie auch in Zukunft sein kann. Diese erkannten Milieus sind über die Internetseite http://www.milieus-kirche.de/ einsehbar. Besonders auch die fünfte Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD hat erhellendes beizutragen (http://www.ekd.de/EKD-Texte/kmu5.html).
Tatsächlich aber scheint mir in der ganzen Diskussion ums Dazugehören zur Kirche auch der alte reformatorische, von Philipp Melanchthon in seiner Apologie der Augsburgischen Konfession gesetzte Begriff der societas fidei, der Gesellschaft des Glaubens, in Verbindung mit neuen Erkenntnissen über die Zusammensetzung unserer Gemeinden viel zielführender und für die kirchliche Arbeit hilfreicher zu sein.
Das liegt vor allem daran, dass dieser Begriff keinen trennenden, sondern einen sehr stark verbindenden Charakter hat und deswegen die Menschen nicht ausdifferenziert, sondern in einer Einheit sieht bei allen Unterschieden, die wir Menschen haben. Dass es diese Unterschiede gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dazu muss man nur die verschiedenen Lebensformen und Wohnorte innerhalb unserer Gemeinden betrachten, mit offenen Augen und Ohren durch die Dörfer, Städte oder Stadtteile gehen, die Menschen wahrnehmen und sehen, wie diese geprägt sind und wie ihr Leben ist.
Societas fidei taucht bei Melanchthon zuerst auf, um den Begriff der Versammlung zu verdeutlichen, den er in der Augsburgischen Konfession (CA) benennt. Diese Versammlung der Heiligen (congregatio sanctorum) führt er weitergehend als Gesellschaft des Glaubens aus und stellt damit selbst einen umfassenden und in die Soziologie hineinführenden Begriff ein. Nachdem er den Kirchenbegriff in der CA durch die Nutzung des Wortes Versammlung einen Inhalt der Bewegung gegeben hat (die Kirche ist da, wo sich Menschen um Gottes Wort versammeln), verweltlicht er den Begriff in gewisser Weise, löst die Kirche damit aus der hierarchischen Umklammerung des Papsttums und entmystisiert sie dadurch. Er gibt ihr eine klare Grundlage bei jeder und jedem Einzelnen. Es geht in der Kirche um die Menschen des Glaubens.
Der Glaube wird also zum entscheidenden Begriff des Kircheseins und damit auch des Dazugehörens zur Kirche. Wer glaubt, der gehört dazu. Wer nicht glaubt, eben nicht. Aber Richter über den Glauben kann niemand sein als Gott allein. Nicht einmal ich selbst.
Der Glaube aber unterliegt durchaus unterschiedlichen Ausformungen und Lebensweisen. Das heißt für die Kirche, dass sie sich darum mühen muss, für diese unterschiedlichen Menschen einen Platz in ihr zu finden und sich offen zu zeigen, ohne diese Grundlage des Glaubens zu verleugnen. Die Kirche muss immer wieder deutlich machen, dass und wie der Glaube an Jesus Christus etwas mit dem Leben der Menschen zu tun hat. Die Anforderungen sind gewaltig. Das macht der Blick in die Gesellschaft klar.
Zugleich ist es nötig, um diesem umfassenden Bild der Gesellschaft des einen Glaubens zu entsprechen, den Anspruch, ein Dach und eine Verbindung für alle Menschen zu sein, nicht fallen zu lassen. So wie die Liebe Gottes allen Menschen gilt, ist der Ort dieser Liebe für alle Menschen herzustellen und zu gestalten. Vielleicht werden gerade aus diesem Grund die Weihnachtsgottesdienste so gut besucht, weil sie eben als solche Orte erfahrbar und lebensnah sind.
Insgesamt gelingt das über das Jahr aber nur, wenn Menschen sich auch als gegenseitig bereichernd und stärkend wahrnehmen und von außen wahrgenommen werden. Das gelingt nur, wenn nicht immer weiter vereinzelt und ausdifferenziert wird. Es gibt in der Kirche nur eine Zielgruppe. Das ist die sich um das Wort Gottes sammelnde Gemeinde.
Da hat die Kirche gerade in ihrem Bewusstsein, eine Gesellschaft nicht der Welt, sondern eine Gesellschaft des einen Glaubens zu sein, die Aufgabe eines Gegenpols. Das hat übrigens auch gesamtgesellschaftlich eine hohe Funktion, weil es deutlich macht, dass eine andere Form des Zusammenlebens möglich ist.
Gelingt das nicht, haben und bekommen wir Gemeinden, die ihren je eigenen Glauben, ihre je eigene Grundlage und letztlich ihr je eigenes Gottesbild pflegen. Da ist es zur Spaltung und Trennung nicht mehr weit, weil der Schritt zum Dienst am je eigenen Gott der nächste ist.
Die Aufgabe heißt: Diejenigen, die kommen, werden angenommen. Diejenigen, die sich am Rand aufhalten, gehören dazu. Diejenigen, die sich gerade nicht zur Kirche bekennen mögen, brauchen offene Türen, durch die sie jederzeit gehen können. Diejenigen, die nichts mehr vom Glauben und der Kirche wissen, müssen eine Chance haben, ihr überhaupt zu begegnen. Diejenigen, die ihre Beziehung zur Kirche pflegen und erhalten, diejenigen, die sich ihres Glaubens bewusst sind, die also auch in ihrem eigenen Selbstverständnis dazugehören, sind dabei nicht nur in der Verantwortung das Haus des Glaubens in Ordnung zu halten, sondern haben auch die Gewähr, dass sie in diesem Haus schon geborgen, beschützt und gemeinschaftlich in Hoffnung und Liebe verbunden sind.
Das aber macht sich nicht an einem Sitzplatz im Heiligabendgottesdienst fest, sondern an dem Bewusstsein, in Gottes Gegenwart durch das Leben zu gehen.
Maximilian Heßlein

„Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen“. Interview mit dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider

Eine Sendung des Deutschlandfunks im Rahmen der Themenwoche „Ware Welt“.

Interview mit

Dr. Ulrich Schneider, Jahrgang 1958, geprägt in der kathol. Pfadfindertradition, wurde in Oberhausen geboren und studierte Erziehungswissenschaften. Er ist Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin.

Er ist Autor verschiedener Publikationen zu den Themen Armut in Deutschland, Verantwortung des Sozialstaats und soziale Gerechtigkeit. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen“ (Westend Verlag, 2014).

zum Video.

EKiR-Synode Januar 2015: KK Krefeld-Viersen und Simmern- Traben-Trabach exemplarisch zur Pfarrstellenentwicklung in der EKiR bis 2030: „Gefahr, dass ganze Regionen unseres Kirchenkreises ohne pfarramtliche Versorgung sein könnten“

KK Krefeld-Viersen

Sehr geehrter Herr Meis,

Sie hatten um eine Rückmeldung zu den Szenarien im Bereich der Pfarrstellenentwicklung und deren Auswirkung auf die kirchliche Arbeit im Bereich des Kirchenkreises gebeten. Ich beziehe mich dabei im Wesentlichen auf Ihre Tabelle „Kirchenkreise Modellrechnung“. Demnach sinkt die Zahl der Pfarrstellen im Kirchenkreis KR-VIE von derzeit 67,25 bis zum Jahr 2030 auf 40,91; von derzeit 46,25 im parochialen Dienst auf 28,13. Die Anzahl der Gemeindeglieder pro parochialer Stelle verändert sich von 2.364 auf 3.431.

Grundsätzlich ist zu fragen, ob alle derzeit „bespielten“ Standorte weiterhin bestehen können/sollen. Präsenz in der Fläche ist das Eine, qualitativ vertretbare kirchliche Arbeit das Andere….

Es wird deshalb umso mehr darauf ankommen, in den Gemeinden deutlich zu machen, dass insbesondere zwischen 2025 und 2030 erhebliche Veränderungen eintreten werden. Die Vakanzfähigkeit der Gemeinden für diese Zeit muss vorbereitet werden. Die vorgelegte Tabelle geht von einer landeskirchlichen Gesamtzahl von 1.004 Stellen aus. Es wird sich erweisen müssen, ob die Höhe dieser Zahl realistisch ist. Beim „650er-Szenario“ wird sich die Situation erheblich verschärfen und die Notwendigkeit zu strukturellen Veränderungsmaßnahmen verstärken…. Zur Drucksache auf den Seiten 13ff.

KK Simmern-Trarbach


Da (oder gerade weil) der Predigtdienst in 60 historischen Kirchen und weiteren wenigen Predigtstätten (Anlage 2) versorgt wird, liegt der sonn- und festtägliche Gottesdienstbesuch deutlich über dem landeskirchlichen Durchschnitt. Die Hunsrücker und Moselaner halten sich zu ihrer Kirche. Je weniger Theologinnen und Theologen für diesen Dienst zur Verfügung stehen, desto größer werden die Belastungen für die verbliebenen Pfarrstelleninhaber….

Es besteht die Gefahr, dass ganze Regionen unseres Kirchenkreises ohne pfarramtliche Versorgung sein könnten… Zur Drucksache auf den Seiten 13ff.