„Blindes Vertrauen, grenzenlose Naivität, fehlende Kontrollen“ – das Gutachten der Staatsanwaltschaft München I zu den Vorgängen im Wohnstift Augustinum um Geschäftsführer Prof. Markus Rückert hat es in sich. Ein Kommentar von Friedhelm Schneider

2015/12

Das ist ein Gutachten, das es in sich hat. Nicht allein, weil der Kläger nun zum Angeklagten wurde. Sondern

Erstens, weil es sich beim Wohnstift  um eine gemeinnützige GmbH aus dem Bereich diakonischer Arbeit handelt, deren Geschäftsführer, Prof. Markus Rückert, über viele Jahre hinweg Vorsitzender des Verbandes diakonischer Dienstgeber Deutschland (VdDD), des einzigen bundesweiten Arbeitgeberverbands der Diakonie mit 170 Mitgliedseinrichtungen und 350 000 Beschäftigten war.
Zweitens, weil hier ein externe, neutrale Begutachtung des Geschäftsbetriebs einer großen quasi- diakonischen Einrichtung stattfindet. Hier wird – anders als in Gefälligkeitsgutachten oder
Studien von externen Beratungen – kein Blatt vor den Mund genommen: „Blindes Vertrauen, grenzenlose Naivität, fehlende Kontrollen“. Vernichtender kann ein Urteil nicht ausfallen. Und das bei einem Vorzeigebetrieb diakonischer Dienste.
Drittens: dies Urteil spricht für eine ziemlich verkorkste Unternehmens- und Managementkultur

Das Urteil gilt zunächst nur dem Wohnstift Augustinum, klar. Allein schon durch die Vernetzung der Geschäftsführung mit weiten Teilen der Diakonie (VdDD) fällt der Schatten des Urteils auch dorthin. Und vielleicht noch weiter:  Wenn man die Organisationsentwicklung in der Kirche (den Kirchen) selbst nüchtern und distanziert betrachtet, ist man in vielen Fällen geneigt, das harte Urteil auch auf die Kirchen auch auf Kirchenorganisationen anzuwenden: „Blindes Vertrauen, grenzenlose Naivität, fehlende Kontrollen“. Das gilt zunächst primär den Organisationen, und sekundär einzelnen Individuen. Und: das gilt nicht generell. Wer etwa die Wort-Meldungen verfolgt wird feststellen, dass hier immer nach Landeskirchen differenziert wird.

Blindes Vertrauen: das ist bei Theologen, das ist in Diakonie und Kirche weit verbreitet. Vertrauen ist eine entscheidende theologische Kategorie (wie die letzten Theologengenerationen bei Eberhard Jüngel lernten). Freilich ist das nicht nur ein Thema der Theologen, sondern vielleicht noch mehr der Kirchenjuristen. Vertrauen ist auch für die Praxis der Organisationsgestaltung wichtig. Vertauen darf aber innerorganisatorische Kritik nicht verhindern. Vertrauen darf nicht „blind“ werden. Kontrolle muss nicht besser sein, aber sie ist wichtig. In kirchlichen Zusammenhängen begegnet das Problem „blindes Vertrauen“ häufig, wie aufmerksame Leser der Wort-Meldungen wissen: in allen Gremien gibt es zu viele Ja-Sager und zu wenig Kritisch-Denkende. Folgerichtig Befund II:

Grenzenlose Naivität. Naivität muss man wohl in diesem Zusammenhang wohl zunächst verstehen als Fehlen an Managementkompetenz. Ganz offensichtlich wurde der Fokus sehr stark auf die Personalpolitik gerichtet. Was nicht verkehrt ist. Was aber verkennt, dass die Basis der Immobilien in der Bedeutung gleichrangig sind. In diesem Sektor droht nun dem Wohnstift großer Schaden und herbe Verluste – oder droht noch Schlimmeres?
Auch hier gibt es Parallelen zur Kirche. Sie würde Personalpolitik auch als wichtig bezeichnen. Allerdings versteht die Kirche Personalpolitik vordringlich als Personalabbau. Sehr ähnlich: die Bedeutung der Immobilien werden unterschätzt. Auch von McKinsey-Leuten wie dem EKD-Synodalen Peter Barrenstein: „Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind die einzige wesentliche weltliche Ressource, die wirklich relevant ist für unsere Kirche…“ (vgl. hier).

Fehlende Kontrollen. Dass mehr Kontrolle nötig ist, zeigen nicht allein die Affären um Tebartz-van Elst, sondern diverse Finanzaffären, die sich auch im Bereich der ev. Kirche ereigneten – und ereignen. Dazu haben wir in den Wort-Meldungen gelegentlich Vorschläge zu Besetzung und Gestaltung der Finanzkontrolle unterbreitet. (F.S.)

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