Die Reformation ist keine Schuldgeschichte. Es gibt keine Erinnerung heute lebender Menschen, die geheilt werden müsste. Von Martin Schuck.

02/2017

Vor zehn Jahren wurde der Münchner Kirchenhistoriker Friedrich Wilhelm Graf im Interview mit der „Zeit“ gefragt, welcher Feiertag ihm lieber sei: Weihnachten oder der Reformationstag. Graf antwortete, der Philosoph Hegel habe seinen besten Rotwein nicht an Weihnachten, sondern am Reformationstag aufgemacht, und er könne das gut nachvollziehen. Immerhin sei das der Tag, an dem daran erinnert werde, dass „die eine autoritäre Kirche entmachtet wurde“. Negativ gesagt, so Graf, sei das der Beginn der Kirchenspaltung, positiv formuliert beginne hier jedoch die Pluralisierung des Christentums, „aus der viele Freiheiten der Moderne erwachsen“. Außerdem werde daran erinnert, dass sich ein einzelner Geistlicher gegen die fast allmächtige Institution der Papstkirche gestellt habe und religiöse Autonomie einklagte.
Es ist schade, dass nach einem Jahrzehnt intensiver Vorarbeit auf das Reformationsjubiläum am Ende nichts anderes steht als der Versuch, die vor einem halben Jahrtausend aufgebrochenen und in den Transformationsprozessen der Neuzeit sich weiterentwickelnden Differenzerfahrungen des Christentums aus dem individuellen und kollektiven Bewusstsein hinaustherapieren zu wollen. Aber ein ganzes Jahrzehnt lang die Reformation als Gründungsimpuls für die evangelischen Kirchen zu feiern, konnte schließlich nicht gut gehen. Von dem Zeitpunkt an, als die katholische Kirche auf Beteiligung drängte, wäre eine grundlegende Besinnung notwendig gewesen: Will man sich auf die katholische Logik einlassen, wonach eine einseitig positive Würdigung der Reformation unmöglich sei, weil die „Kirchenspaltung“ schließlich kein Grund zum Feiern ist? Folgt man dieser Logik, liegt es tatsächlich nahe, die Reformation als Schuldgeschichte zu betrachten.
Aber es wäre eben auch anders gegangen: Jenseits der üblich konsensökumenischen Gewohnheiten hätte auch eine Einladung an die katholische Kirche stehen können, ihrerseits mit den Protestanten zusammen darüber nachzudenken, welche Vorteile auch die katholische Kirche aus den durch die Reformation ausgelösten Modernisierungsprozessen ziehen konnte. Oder sehnt sich tatsächlich noch irgendein Katholik zurück nach der (katholischen) Einheitswelt des Mittelalters?
So aber müssen sich die Protestanten bei aller Vorfreude auf die großen Events eingestehen, dass sich in den theologischen Beiträgen und liturgischen Feiern die katholische Sicht durchgesetzt hat. Überdeutlich wird das in dem gemeinsamen Wort „Erinnerungen heilen – Jesus Christus bezeugen“. Als politisches Projekt zur Versöhnung der Menschen in Südafrika unmittelbar nach dem Ende der Apartheid und auch zur Beendigung des Bürgerkriegs in Nordirland war „Healing of Memories“ ein sinnvolles Konzept. Auch die kirchliche Erprobung in Rumänien, wo verschiedene konfessionell geprägte Volksgruppen nach dem Ende des Kommunismus sich gegenseitig die Schuld für Verfehlungen in der Zeit der Diktatur vorwarfen, führte zu einer sinnvollen Aufarbeitung der Schuld von Menschen, die danach versöhnt miteinander weiterleben konnten.
Diesen Ansatz auf lange zurückliegende geschichtliche Ereignisse übertragen zu wollen, ist aber fragwürdig, weil vorausgesetzt wird, dass die heute Lebenden Handlungen von vor 500 Jahren als schuldhaft bewerten, obwohl diese im Bewusstsein der damaligen Akteure völlig legal waren und den damals geltenden Normen entsprechend durchgeführt wurden. So etwas könnte man als Arroganz der Nachgeborenen bezeichnen.
Völlig unerträglich wird es dann, wenn die Autoren die vor 500 Jahren sehr intensiv geführten theologischen Debatten um die Wahrheit des Evangeliums banalisieren, indem sie diese nur von ihren späteren Folgen her bewerten. Wenn gesagt wird, der Papst und die Bischöfe hätten damals nicht die Kraft gehabt, die Vorgänge in Deutschland und der Schweiz „angemessen einzuschätzen und konstruktiv zu reagieren“, und auf der anderen Seite sei „der Eigensinn der reformatorischen Bewegung stärker ausgeprägt als der Wille zur Einheit“, dann erscheint die Reformation als Folge von Trägheit, Eitelkeit und anderen moralischen Defiziten. Die Schuldgeschichte beginnt dann nicht bei den Religionskriegen, sondern bei der menschlichen Haltung der Reformatoren, die für ihre Vorstellung von Wahrheit die Einheit der Kirche verantwortungslos aufs Spiel gesetzt hätten.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wären die Theologen vor 500 Jahren so empathisch, klug und sensibel gewesen wie heutige Ökumeniker, dann hätte es keine Reformation, keine Kirchenspaltung und auch keine evangelischen Kirchen geben müssen, und die Einheit der abendländischen Christenheit unter dem Papst wäre erhalten geblieben. Das muss man als Protestant aber nicht unbedingt wollen.
Martin Schuck

Dr. Martin Schuck ist Verlagsleiter der Verlagshaus Speyer GmbH und Vorsitzender des Evangelischen Bundes Pfalz.

2 Gedanken zu „Die Reformation ist keine Schuldgeschichte. Es gibt keine Erinnerung heute lebender Menschen, die geheilt werden müsste. Von Martin Schuck.

  1. Martin Krauß

    Es ist traurig und ärgerlich, in welche Richtung die Feier des Reformationsjubiläums entglitten ist. Das, wofür die protestantische Kirche steht, gekämpft und gelitten hat, wird einfach weggebügelt oder wegtherapiert, um das gute ökumenische Einvernehmen nicht zu stören. Wir haben es wirklich herrlich weit gebracht!
    Die reformatorischen Kirchen stehen für eine Kirche, in der der einzelne seine Gottesbeziehung ohne eine Vermittlungsinstanz frei leben kann und nicht eines Priesters bedarf, der ihm das Heil gewähren oder verwehren kann. Die Reformatoren Luther, Zwingli, Calvin oder wie sie alle heißen, haben das Priestertum aller Gläubigen propagiert und damit die Macht und den Anspruch der Amtskirche in Frage gestellt. Deshalb hat Martin Luther, in Acht und Bann gesetzt, die ganze geballte Macht des Heiligen
    Römischen Reiches Deutscher Nation zu spüren bekommen, und er hat nur mit Hilfe der Fürsten, die ihre schützende Hand über ihn gehalten haben, überleben und die Sache der Reformation voranbringen können.
    Wir Protestanten haben uns also nicht zu entschuldigen dass es bedauerlicherweise zur Kirchenpaltung gekommen ist, sondern die andere Seite hat anzuerkennen, dass sie nicht die Deutungs- und Definitionshoheit über das hat, was als Kirche zu gelten hat, und sie muss (!) infolgedessen die Ämter der reformatorischen Kirchen als gleichwertig mit den ihren endlich anerkennen. Das wäre die längst überfällige Bringschuld der katholischen Kirche. Dass dies bis heute nicht geschehen und in absehbarer Zeit auch mit dem jetzigen Papst nicht geschehen wird, ist Teil ihrer Schuldgeschichte. Wir Evangelischen
    haben das aber nicht mit Bedauern zur Kenntnis zu nehmen, sondern wir haben die Ämteranerkennung nachdrücklich einzufordern!
    Dass davon weder in den offiziellen Verlautbarungen noch in den geplanten Veranstaltungen zu den Jubiläumsfeierlichkeiten die Rede ist, ist ein zum Himmel schreiender Skandal!
    Das kommt eben heraus, wenn man auf der Basis eines Schmusekurses 500 Jahre Reformation feiern will. Die Profillosigkeit der evangelisch-lutherischen Kirchen gibt ein erbärmliches Bild gegenüber einer nach wie vor selbstbewussten und in ihrem Irrtum beharrenden katholischen Kirche ab. Man braucht nur die kirchenamtlichen evangelischen, katholischen oder gemeinsamen Erklärungen und Verlautbarungen zu studieren, um das bestätigt zu bekommen.
    Ich sehe darin auch einen der Gründe für den eklatanten Mitgliederschwund der evangelischen Kirche. Eine Kirche, die es nicht versteht, ihren Gliedern klar zu machen, dass die evangelische Kirche eine echte Alternative zur katholischen ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihr die Leute davon laufen. Das ist wie in der Politik, wenn die Leute
    nicht zur Wahl gehen, weil sie sich nicht für echte Alternativen entscheiden können.
    Halten wir es lieber mit Wolf Biermann. Warten wir nicht auf bessere Zeiten! Sie werden nicht kommen, wenn wir die Dinge so weiter laufen lassen.

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  2. Gerhard Niemeyer

    Warum ich nicht zum Kirchentag 2017 fahre?
    Weil ich nicht zu denjenigen gehören will, die die Reformation verraten
    Zunächst eigentlich sattsam Bekanntes, was aber offensichtlich in Vergessenheit geraten ist:
    Der HERR, unser Gott, hat uns seinen Sohn gesandt, damit wir seine Liebe erfahren. Jesus hat Liebe nicht nur gepredigt, er hat Liebe gelebt. Auf dieser Liebe gründet sich die christliche Kirche. Seit Jesus Christus. Und durch Jesus Christus.
    Martin Luther war nicht nur ein Mönch der (wie sie sich nennt) Heiligen Katholischen Kirche, er promovierte auch auch zum Doktor der Theologie und wurde später als Professor am Lehrstuhl für Bibelauslegung an der Wittenberger Universität ein leitender Vertreter seiner Kirche.
    Dann wurde die Geldmaschine Ablasshandel angeworfen. Wofür das Geld letztendlich verbraten wurde, sei einmal dahingestellt. Schon 1516 predigte Luther gegen diesen Ablasshandel.
    Aber wenn man der Obrigkeit, sei sie weltlich oder kirchlich, sprudelnde Einnahmen wegnehmen will, reagiert sie restriktiv.
    Bis heute beschwert sich die katholische Kirche darüber, dass Martin Luther die Kirche gespalten habe. Jedoch ist die in den 1400er und 1500er Jahren von der Finanzwelt okkupierte Kirche unfähig einzusehen, dass der zur Zeit der Ablassdiskussion von den Medici ins Amt gehobene Papst Leo X mit seinen nachgemachten Kardinälen die Spaltung zu verantworten hat.
    kirchenbunt.de zitiert am 10. Oktober 2016 unter der Überschrift „Evangelisch? Ja. Protestantisch? Nein!“ aus einem Beitrag von Martin Schuck (der auf wortmeldungen.de unter http://wort-meldungen.de/?p=16048 nachzulesen ist):
    „Ich habe noch sehr genau die Worte eines führenden katholischen Ökumenikers im Ohr, der zu Beginn der Reformationsdekade im kleinen Kreis sagte, man könne mit evangelischen Kirchen über ein gemeinsames Reformationsgedenken reden; aber wenn der Protestantismus zum Thema werde, dann sei das Gespräch beendet.“
    Das gemeinsame Wort ist also so gemeinsam gar nicht.
    Mit Datum vom 6. August 2000 schreibt der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger,
    „wie es nur einen einzigen Christus gibt, so gibt es nur einen Leib Christi, eine einzige Braut Christi: die eine alleinige katholische und apostolische Kirche“
    um dann eindeutig festzustellen: die Kirchen der Reformation „sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn“
    Lebendige Ökumene sieht anders aus. Und zu Lebzeiten von Benedikt XVI (em.) wird niemand hinter dieses Wort zurückgehen (können). Wenn man es denn überhaupt will.
    Und wenn ich jetzt einmal ausblende, dass der Reformationstag umfunktioniert wird zu einem sogenannten Christusfest, stelle ich eine Frage in den Raum:
    Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es
    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    die heilige christliche Kirche,
    In der katholischen Kirche heißt dieser Passus:
    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    die heilige katholische Kirche,
    die katholische Kirche weigert sich beharrlich, aber auch starrsinnig und verstockt, ihre Kirche christlich zu nennen und die Zeile zu übernehmen
    Ich glaube an den Heiligen Geist,
    die heilige christliche Kirche,
    Ist das wirklich so schwer?
    Bei allem Willen zur Gemeinschaft und zum Miteinander mit den katholischen Schwestern und Brüdern (die übrigens vor Ort eigentlich ganz gut funktioniert), zu verdrängen, dass es in der römischen Kurie gewichtige Stimmen gibt, die eine kirchliche Einheit strikt ablehnen, ja, die schon den Ansatz der Ökumene ablehnen, ist falsch. Diese Stimmen gibt es, und die müssen gehört werden. Nicht im Sinne von Akzeptanz sondern im Sinne von kritischer Kenntnisnahme.
    Und bei allem Willen zur Gemeinschaft und zum Miteinander: Die evangelische Kirche hat allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. Und deshalb habe ich kein Verständnis für die Passage:
    Geschwisterliche Worte der Trauer über das in der Vergangenheit einander zugefügte Leid sind nach wie vor angebracht.
    Es hat in der Vergangenheit verbale Ausfälle gegeben. Sicher auch auf evangelischer Seite. Aber die Aussage, die evangelische Kirche sei gar keine Kirche, sondern allenfalls eine „kirchliche Gemeinschaft“, ist schon heftig und eigentlich so nicht hinzunehmen.Von Distanzierungen katholischer Kardinäle habe ich noch nicht gehört.
    Schon peinlich ist es, wie Gemeinsamkeiten herbeigeredet werden.
    Zitat: Die evangelische Kirche sieht sich heute als die durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche. Damit entwickelt sie ein positives Verständnis zu den 1500 Jahren der gemeinsamen Kirchengeschichte vor der Reformation.
    Liebe EKD, vor der Reformation kann es keine Gemeinsamkeiten zwischen evangelisch und katholisch gegeben haben, weil es da noch keine evangelische Kirche gab. Jan Hus oder die Besitzer von Bibelübersetzungen wurden als Ketzer verfolgt und verbrannt. Wenn es also die evangelishe Kirche schon gegeben hätte, wäre sie rigide verfolgt worden. Wollen Sie sich damit gemein machen?
    Martin Luther sagt (in einer Tischrede):
    Denn Ärzte und Juristen bleiben genug, die Welt zu regieren; man muss aber zweihundert Pfarrer haben, wo man an einem Juristen genug hat. Wenn zu Erfurt einer ist, ists genug. Aber mit den Predigern geht`s nicht so zu; es muss ein jeglich Dorf und Flecken einen eigenen Pfarrer haben.

    Auch bei diesem Thema hat sich die EKD weit von der Reformation entfernt. Die presbyterial-synodale Ordnung wird ausgehebelt. Die Finanzen werden jetzt von Dilettanten verantwortet, die nur ein Credo haben: Den Kirchen laufen die Mitglieder weg und deshalb müssen auch die Kirchensteuern sinken. Dass die Realität eine andere ist, wird seit 15 oder 20 Jahren schlicht ignoriert. Mit fadenscheinigen (um nicht zu sagen faulen) Begründungen wird den Gemeinden, die ja eigentlich die Steuerhoheit haben, der Steuerüberschuss vorenthalten. Das Geld wird verpulvert in einer aufgeblähten Verwaltung und in unbrauchbaren Computer-Programmen.
    Ausgebildete und im Beruf stehende Pfarrer müssen sich einer erneuten Prüfung in einem sogenannten „assesment center“ unterziehen. Die EKD stellt also ihre eigene Ausbildung in Frage.
    Und die Gemeinden, die nach reformatorischer Übung das Wahlrecht für die Pfarrer (noch?) haben, werden weiter entmündigt, weil die Einstellung von Pfarrern auf den Kirchenkreis verlagert wird. Denn dort sitzt ja jetzt die allmächtige Verwaltung.
    Noch einmal:
    Martin Luther hatte allen Grund, gegen die damalige Institution Kirche zu revoltieren. Die Reaktion der Obrigkeit war vorhersehbar restriktiv. Und er hat den Drohungen (auch durch politische Unterstützung) widerstanden. Es besteht kein Grund für die evangelische Kirche, das Aufbegehren Luthers zu relativieren. Erst recht nicht, da die Obrigkeit bis heute nicht in der Lage ist, Fehler einzugestehen.
    Weil also die Reformation sich nicht relativieren lässt, bedarf es auch keiner nachträglichen Legitimation.
    Das gemeinsame Wort wäre ein breites Thema für den Kirchentag der Reformation. Da sich aber die Verfasser ihr schönes gemeinsames Wort nicht kaputt machen lassen wollen, wird sich das nicht etablieren lassen.
    Und deshalb fahre ich nicht zum Kirchentag.

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