Die dritte Barmer These und die „Kirche der Freiheit“

von Martin Schuck

In diesen Tagen ist wieder Barmen-Jubiläum. Es gehört zu den Ritualen der EKD und einiger Landeskirchen, dass die Barmer Theologische Erklärung und das Stuttgarter Schuldbekenntnis im Zehnjahresabstand mit Jubiläumsfeierlichkeiten oder zumindest einzelnen Gedenkveranstaltungen bedacht werden. Im Falle der Barmer Theologischen Erklärung ist es interessant, sich die unterschiedlichen Akzentuierungen in den einzelnen Jahrzehnten anzuschauen.
Beim großen Barmen-Jubiläum 1984 stand die zweite These im Mittelpunkt. Das erklärt sich einerseits aus dem Grad der Politisierung des damaligen Protestantismus, wo es um die großen Themen Frieden und weltweite Gerechtigkeit ging – am Horizont tauchte auch die Ökologie, damals symbolisiert durch das „Waldsterben“, auf –, andererseits aber aus den Versuchen des letzten Aufgebots des Barthianismus, noch einmal die „Systemfrage“ zu stellen und die „frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt“ zu proklamieren.
Zehn Jahre später war es zum 60. Jahrestag die fünfte These, die besonderes Interesse auf sich zog. Nach dem Fall der Mauer und der deutschen Vereinigung 1990 stand, kurzzeitig herausgefordert durch die Erfahrung der Kirchen in der DDR, das Staat-Kirche-Verhältnis im Mittelpunkt der Debatten, und „Barmen“ diente als mahnendes Wort angesichts des längst in die Wege geleiteten „Weiter so“.
Zum 80. Jahrestag erfreut sich die dritte These, in der die Kirche vorgestellt wird als „die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt“, besonderer Aufmerksamkeit. Diese Gemeinde habe mit ihrem Glauben, ihrem Gehorsam, ihrer Botschaft und mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass „sie allein sein Eigentum ist“. Die Frage stellt sich, ob es irgendeinen Anhaltspunkt in den aktuellen Debatten für die Gültigkeit dieses Kirchenverständnisses gibt. Irgendwie erscheint diese These im Blick auf die gegenwärtige „Kirche im Reformstress“ (Isolde Karle) nur noch als theologische Lyrik für die Sonntagsreden.
Die gegenwärtige Richtung, so sagen die Kritiker, werde eher durch den Verwerfungssatz der dritten These beschrieben: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“ Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Kirche nicht nur durch ihre Botschaft, sondern auch durch ihre Ordnung das Evangelium Jesu Christi bezeugt. Für die Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus war das unmittelbar einleuchtend. Ein Pfarrer, der Teil des nationalsozialistischen Machtapparates ist, kann nicht glaubwürdig über die in Christus geschenkte Freiheit predigen.
Schwerer zu verstehen ist jedoch, warum für die Kirche im demokratischen Staat das gleiche gilt. Aber ein – wie in „Kirche der Freiheit“ geforderter – Umbau der Kirche nach den Vorstellungen von Unternehmensberatern, die zu möglichst effizienten Führungsstrukturen auf Kosten der Mitbestimmung in den Synoden raten, kann auch die frohe Botschaft verdunkeln. Wie sollte ein Angestellter des Unternehmens Kirche glaubhaft über den Barmen III vorgestellten Text Eph 4, 15-16 predigen?
Es ist nun mal so eine Sache mit den Erklärungen und Bekenntnissen der Alten. Man erinnert immer wieder gerne an sie und vor allem an die Heldentaten derer, die sie damals formuliert haben. Man macht sich aber selten klar, dass sie das Ergebnis realer Auseinandersetzungen sind und mit dem Ende dieser Auseinandersetzungen zwar nichts von ihrer grundsätzlichen Richtigkeit, aber eben doch ihre damalige Passgenauigkeit verloren haben. Versuche wie etwa 1984, gegenüber dem demokratischen Staat „bekennende Kirche“ zu simulieren, wirkten genauso hilflos wie heutige Versuche, das in „Kirche der Freiheit“ propagierte Reformprogramm als reformatorisches Kirchenverständnis im Sinne von Barmen III zu verkaufen.

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