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Der Aufstieg des IS und was die USA damit zu tun haben. Rezension des Buchs „Schwarze Flaggen“ von Joby Warrick.

5. März 2017
…Ein ganz anderes Kaliber haben die „Schwarzen Flaggen“ von Joby Warrick, dem US-Autor von „Black Flags: The Rise of the Isis“, der 2016 dafür mit seinem zweiten Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Da geht’s um die Spindoktoren und Killer des sogenannten Islamischen Staates (IS) und deren mögliche Verstrickungen in eine New World Order . . . made in USA….

Mehr dazu in der SZ.
Joby Warrick: Schwarze Flaggen. Der Aufstieg des IS und die USA. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Theiss-Verlag/WGB. Darmstadt 2017. 392 Seiten. 22,95 Euro.

Islamforscher im Gespräch. „Radikalisierung ist keine Folge gescheiterter Integration“. Interview mit Olivier Roy in der FAZ.

Nach den Anschlägen von Brüssel warnt Olivier Roy vor einer vorschnellen Verknüpfung von Islam und Terror. Im Interview erklärt der Islamforscher, was das eigentliche Problem des Dschihadismus ist. vom 26.03.2016, von MICHAELA WIEGEL, PARIS, FAZ, hier: 08/2016

Herr Roy, sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Terrorismus und gescheiterter Integration in europäischen Einwanderungsgesellschaften?
Ich glaube nicht, dass die islamische Radikalisierung die Folge einer gescheiterten Integration ist. Das ist ein Scheinproblem. Viele der jungen Leute, die in den Dschihad ziehen, sind integriert. Sie sprechen Französisch, Englisch oder Deutsch. Der „Islamische Staat“ (IS) hat ein frankophones Bataillon gegründet, weil die jungen Franzosen oder Belgier kaum Arabisch können…
Geben Sie dann Premierminister Manuel Valls recht, der eine Debatte über den Nährboden des Terrorismus ablehnt?

Nein, im Gegenteil, ich will zur Debatte über den Nährboden des Terrorismus beitragen. Valls übt sich jetzt in einer Form von Populismus, er hat nur noch wenig von einem Politiker der Linken, er ist autoritär und antiintellektuell. Der Nährboden des Terrorismus muss erforscht werden. Zu meiner eigenen Überraschung arbeite ich viel mit Psychologen und Psychoanalytikern zusammen. Das Risikoverhalten junger Leute und insbesondere die Faszination für Suizid und Gewaltphantasien haben stark zugenommen. Diese Dimension muss stärker berücksichtigt werden.

…  Das vollständige Interview.

Ex-US-Geheimdienstchef über den IS: „Wir waren zu dumm“ Ein Interview von Matthias Gebauer und Holger Stark/ Spiegel.

12/2015

Ohne den Irakkrieg würde es den „Islamischen Staat“ heute nicht geben – das gibt der damalige Chef der Special Forces, Mike Flynn, zu. Hier erklärt er, wie der IS sich professionalisierte und warum er dessen Chef Baghdadi laufen ließ.

Zum Interview.

Islamischer Staat. Von Clemens Ronnefeldt

11/2015, von Clemens Ronnefeldt, seit 1992
Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes

1. Entstehung

Die Ursprünge des „Islamischen Staates“ (nachfolgend: IS) sind beim irakischen Zweig von al-Qaida zu suchen. Der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi kämpfte zunächst in Afghanistan für al-Qaida, bevor er Anfang des neuen Jahrtausends nach Irak ging und von dort Terroranschläge in Jordanien organisierte. Nach dem Irak-Krieg 2003 wurde al-Zarqawi Befehlshaber von al-Qaida im Irak, von wo aus er mit Anschlägen gegen die westlichen Invasoren, deren Botschaften sowie gegen Schiiten und deren Heiligtümer bekannt wurde. Im Jahre 2006 wurde er durch eine US-Bombe getötet. Sein Nachfolger Abu Omar al-Baghdadi wurde im Jahre 2010 ebenfalls umgebracht. Bereits unter seiner Führung benannte sich al-Qaida im Irak in „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) um.

In dem intensiv geführten sunnitisch-schiitischen Krieg im Irak unterstützte die US-Regierung die sunnitischen Stammesführer, die wiederum al-Qaida bekämpften. Im Jahre 2010 übernahm der heutige IS-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi, geboren 1971 im irakischen Samarra, die Führung von al-Qaida im Irak. Nachdem al-Baghdadi aus einem US-Gefangenenlager, wo er im Jahre 2004 mit vielen ehemaligen Offizieren der irakischen Armee unter Saddam Hussein Kontakt hatte, entlassen worden war, promovierte er zum Thema „Scharia“. Während Michael Lüders schreibt, dass al-Baghdadi „2004 einige Monate in US-Gewahrsam verbrachte“ (S. 89), berichtet Loretta Napoleoni: „Al-Baghdadis Gepflogenheit, sich dem Scheinwerferlicht fern zu halten, wurzelt möglicherweise in seiner fünfjährigen Inhaftierung in Camp Bucca“ (S. 35). Vor seiner Verhaftung 2004 arbeitete al-Baghdadi als Imam in Falludscha, wo die US-Armee besonders gewalttätig agierte.

Mit der al-Qaida-Führung in Pakistan kam es zum Bruch: Der Nachfolger von Usama Bin Laden, Ayman al-Zawahiri, wollte einen globalen Jidad gegen die westlichen Invasoren unter US-Führung, al-Baghdadi hingegen kämpfte im Irak vor allem gegen Schiiten und andere Andersgläubige – und wollte einen konkreten Islamischen Staat errichten.

Der Krieg in Syrien verhalf al-Baghdadi zur Machtausdehnung. Der „Islamische Staat im Irak“ hatte die Al-Nusra-Front mitbegründet, deren Ziel vor allem der Sturz der syrischen Regierung war und ist. Im Jahre 2013 erklärte al-Baghdadi, dass der „Islamische Staat im Irak“ und die Al-Nusra-Front zukünftig unter dem Namen „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ (ISIL) firmieren würden. Diese Vereinnahmung der Al-Nusra-Front wollten Teile der Nusra-Front-Führung nicht hinnehmen, wodurch es zu einer Spaltung kam. Wegen der militärischen Erfolge, seiner hohen Durchschlagskraft und guter Ausrüstung bekam ISIL immer mehr Zulauf, wodurch im östlichen und nördlichen Teil Syriens große Gebiete unter ISIL-Kontrolle kamen, einschließlich der Provinzhauptstadt Raqqa. Al-Baghdadi vermied bis Mitte 2014 militärische Kämpfe gegen die syrische Armee, sondern ging gegen Rebellen vor. Im Juni 2014 eroberten ISIL-Truppen Mosul – wodurch al-Baghdadi und dessen Führungskader riesige Mengen an Rüstungsgütern – Panzer, Geschütze, gepanzerte Fahrzeuge – in die Hände fielen, die zuvor die US-Regierung an die irakische Armee geliefert hatte. Nach der Eroberung Mosuls änderte al-Baghdadi erneut den Namen: aus ISIL wurde IS – der „Islamische Staat“ – und er selbst erklärte sich zum Nachfolger (Khalifa) des Propheten Mohammed: Zum neuen Kalifen des IS. Gegen diesen Anspruch protestieren zahlreiche sunnitische Rechtsgelehrte, darunter auch die für die gesamte islamische Welt äußert bedeutsame Azhar-Universität in Kairo (Perthes, S. 92-98).

2. Ideologie

Als der IS noch den Vorläufernamen „ISIL“ bzw. „ISIS“ trug, stand diese Abkürzung für „Islamischer Staat im Irak und in Scham“  – wobei „Scham“ sowohl mit „Großsyrien“ als auch mit „Damaskus“ und „Levante“ übersetzt werden kann. „Scham“ umfasst für gläubige Muslime die Gebiete Syrien, Libanon, Israel, Palästina und Jordanien. Jerusalem ist wegen des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee sowie der Himmelfahrt des Propheten Mohammed der drittwichtigste Ort nach Mekka und Medina. Damaskus war während der Zeit der Omajjaden-Dynastie (661-750), deren islamisches Herrschaftsgebiet über die arabische Halbinsel, Nordafrika, Spanien bis an die Pyrenäen und im Osten bis nach Indien reichte, die Hauptstadt dieses größten Kalifats der gesamten Geschichte.

Sunniten wie Schiiten glauben, dass es in „Scham“ zu einem heilsgeschichtlichen Endkampf, einem „Armageddon“ kommt. Sie stützen sich dabei auf den Ausspruch des Propheten Mohammed: „Die letzte Stunde der Geschichte wird erst kommen, wenn die Römer entweder bei Al-A´maq oder bei Dabiq aufmarschieren (beide Orte liegen nordöstlich von Aleppo, direkt an der türkischen Grenze. Mit ‚Römer‘ ist Byzanz gemeint, Michael Lüders). Dann wird eine Armee aus Medina, eine Armee der besten den Volkes auf Erden, aufbrechen und sich ihnen stellen“ (Lüders, S. 88). Nach der Überlieferung wird die muslimische Armee einer feindlichen Übermacht aus 42 Heeren entgegen treten und diese vernichtend schlagen.

Schiiten glauben, dass erst nach dieser endgültigen Schlacht der Erlöser, der Mahdi, erscheinen wird, um die Gläubigen ins Paradies zu führen. „Radikale Sunniten deuten diesen Hadith (Ausspruch des Propheten Mohammed, Anm. von C.R.) als Versprechen eines endgültigen Sieges über die Ungläubigen, einschließlich der Schiiten. Die unterschiedliche Auslegung ist ein Grund dafür, warum den Schiiten der Dschihad gegen Nichtmuslime weitgehend fremd geblieben ist“, schreibt Michael Lüders (S. 89). „Dabiq“ heißt eine Propaganda-Hochglanzbroschüre des IS, die in vielen Sprachen, darunter deutsch, im Internet angeboten wird und auf den zitierten Ausspruch des Propheten Bezug nimmt. IS-Kämpfer sehen sich selbst als die prophezeite „Armee aus Medina“. Michael Lüders zieht als Fazit: „Man sollte die Wirkungsmacht solcher Heilsversprechen unter emotional aufgeladenen Gläubigen, besonders im Umfeld von Krieg und Gewalt, nicht unterschätzen“ (S. 89).

Die Ausrufung des IS-Kalifats erfolgte am 29. Juni 2014, dem ersten Tag des Fastenmonats Ramadan. Michael Lüders zitiert den Islamwissenschaftler Stephan Rosiny, der die erste Freitagspredigt von al-Baghdadi am 4. Juli 2014 in Mosul analysiert hat: „Wegen seiner im ‚Dschihad‘ erlangten Kriegswunde erklomm ‚Kalif Ibrahim‘ nur humpelnden Schrittes die Kanzel. (…) Er war mir schwarzem Turban und Umhang gekleidet, wie sie auch Mohammed bei der Rückeroberung Mekkas im Jahr 630 getragen haben soll“. Lüders folgert: „Deswegen auch die schwarze Fahne des ‚Islamischen Staates‘ und die häufig schwarze Kleidung seiner Kämpfer, die ebenfalls auf dies Rückeroberung anspielen. Mehr noch, schwarze Uniformen und Flaggen gehörten zur höfischen Etikette der Abbasiden im achten Jahrhundert und erinnern so an das goldene Zeitalter des Islam“ (Lüders, S. 92).

Der neue Kalif versprach in seiner ersten Predigt, die „Würde, Macht , Rechte und Führerschaft der Vergangenheit zurückzugeben“ (L. Napoleoni, S. 15).

Der „Islamische Staat“ unter dem Kalifen al-Baghdadi sieht sich in der Tradition sowohl des Omajjaden-Weltreiches mit der Hauptstadt Damaskus als auch in der Tradition des nachfolgenden Abbasiden-Weltreiches mit der Hauptstadt Bagdad – und damit als Hüter des Erbes von Mohammed und des wahren islamischen Glaubens. Dies ist auch der Grund, warum der selbst ernannte Kalif al-Baghdadi alle muslimischen Gläubigen weltweit dazu aufgerufen hat, in den „Islamischen Staat“ zu kommen, der seiner Ansicht nach das neue globale spirituell-geistige Zentrum des Islam darstellt: „Wer kann, soll in den Islamischen Staat einwandern, denn die Übersiedlung ins Haus des Islam ist eine Pflicht“, so al-Baghdadi bei der Ausrufung des Kalifats (Napoleoni, S. 96) – und ergänzte: „Eilt, o ihr Muslime in euren Staat. (…) Dies ist mein Rat an euch: Wenn ihr an ihm festhaltet, werdet ihr Rom und die Welt erobern, so Allah es will“ (Napoleoni, S. 98).

Der IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani lässt an Deutlichkeit des IS-Machtanspruchs nichts zu wünschen übrig: „Mit der Ausdehnung des Herrschaftsgebiets des Kalifen und der Ankunft seiner Truppen wird die Legalität aller Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen hinfällig“ (L. Napoleoni, S. 14).

3. Aufbau und Strukturen

Kalif al-Baghdadi hat den IS in Regierungsbezirke aufgeteilt, die wiederum in Provinzen gegliedert sind. Reichere Bezirke zahlen an ärmere eine Art „Länderfinanzausgleich“. Der Kalif hat alle relevanten Berufsgruppen in Syrien und Irak persönlich aufgerufen, am Aufbau des neuen Staatswesens tatkräftig mitzuhelfen.  Schulen und Universitäten sind im IS, auf dessen Gebiet rund sechs Millionen Menschen leben, geöffnet. Es gilt die Wehrpflicht, der neue Staat erhebt Steuern und Abgaben. Davon werden u.a. auch Suppenküchen für Arme sowie Renten für Witwen getöteter IS-Kämpfer finanziert. Mitarbeiter des IS kümmern sich um Stromversorgung und Müllabfuhr, anders als al-Qaida oder andere Terrororganisationen legt der IS großen Wert auf den Aufbau tragfähiger Strukturen eines Staates. Größere finanzielle Zuwendungen erhält der IS aus den reichen Golfstaaten. Der Verkauf von Erdöl – sowohl an die Türkei wie auch die syrische Regierung (L. Napoleoni, S. 52)  – bringt Deviseneinnahmen in Höhe von zwei Millionen US-Dollar pro Tag (Wall Street Journal, 16.4.2014). Weitere Einnahmequellen sind Schmuggelgeschäfte, Schutzgelderpressungen und Lösegeldzahlungen für die Freilassung von Geiseln. Während viele Regierungen Lösegeld an den IS für ihre jeweiligen Staatsangehörigen zahlen, weigern sich die US-amerikanische und britische Regierung, dies zu tun.

Nach der Eroberung von Mosul im Sommer 2014 beschlagnahmte der IS von der Zentralbank Gelder in Höhe von 425 Millionen US-Dollar, die sowohl für militärische Zwecke wie auch für eine „Kampagne, die Herzen und die Zustimmung der Bevölkerung zu gewinnen“ (Napoleoni, S. 58) verwendet werden.

Die Zahl der Kämpfer wird nach unterschiedlichen Quellen auf 25 000 bis mehr als 50 000 Mann geschätzt, ebenso viele Zivilisten sollen im Dienst des IS als Verwaltungsmitarbeiter beschäftigt sein. Kämpfer erhalten einen Monatslohn zwischen 200 und 600 US-Dollar, Verwaltungsangestellte rund 300 US-Dollar, Abteilungsleiter bis zu 2000 US-Dollar, schreibt Michael Lüders (S. 96). Loretta Napoleoni dagegen verweist auf Quellen, die von einem niedrigeren Sold ausgehen: „Freigegebene Dokumente des US-Außenministeriums zeigen, dass während einer bestimmten Aufzeichnungsperiode ‚der durchschnittliche Soldat des Islamischen Staates einen Grundlohn von gerade mal 41 Dollar im Monat verdiente, viel weniger als ein irakischer Arbeiter wie beispielsweise ein Maurer, der monatlich 150 Dollar verdient“ (L. Napoleoni, S. 55).

Der Kalif hat zwei Stellvertreter, von denen je einer für Irak und für Syrien zuständig ist. In einem „Führungsrat“ berät eine kleine Gruppe von Vertrauten des Kalifen die Politik des IS. In einem „Kabinett“ sitzen Manager und Technokraten, die sich um Sicherheit, Finanzen, Medienarbeit, Rekrutierung und andere Aufgaben eines Staates kümmern. Auf lokalen Ebenen sind im IS „regionale Räte“ eingerichtet, die mit zivilen und militärischen Aufgaben betraut sind und als Ansprechpersonen für die jeweilige lokale Bevölkerung dienen. In diesen Räten sollen auch zahlreiche ehemalige Offiziere der aufgelösten irakischen Armee unter Saddam Hussein beschäftigt sein.

Eine Religionspolizei achtet auf die Einhaltung der Scharia. In einem offiziellen Dokument mit dem Titel „Bekanntmachung Nummer 006“ des IS vom 18. April 2014 steht zu lesen: „Die folgenden Fakultäten und Abteilungen, die sich gegen die Scharia richten, werden geschlossen und abgeschafft: Fakultät für Jura, Politikwissenschaft und Kunst. Archäologie, Sporterziehung und Philosophie. Tourismus und Hotelmanagment. Abgeschafft werden ebenso alle Lehrinhalte, die gegen die Scharia sind: Demokratie, Kultur, Freiheit und Rechte. Romane und Theaterstücke in den Sprachen Englisch und Französisch und generell Übersetzungen. Die folgenden Fragen werden nicht thematisiert: Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, Geschichte, Grenzziehung. Die Lehrkräfte sind gehalten, stets Folgendes zu beachten: Trennung von Männern und Frauen gemäß Scharia. (…) Diese Bekanntmachung ist ein Befehl. Er ist verpflichtend. Zuwiderhandlungen werden bestraft. Allahs Befehle führen zum Sieg, aber vielen Menschen ist das nicht bewusst. Gott sei gepriesen“ (Lüders, S. 97).

Die Brutalität, mit der IS-Gerichte vorgehen, ist vielfach belegt: „In der syrischen Stadt Manbidsch beispielsweise hackten IS-Vertreter vier Dieben die Hände ab (…), peitschten Menschen wegen Beleidigung ihrer Nachbarn aus, konfiszierten und vernichteten gefälschte Medikamente und exekutierten und kreuzigten mehrere Personen wegen Glaubensabfall und Mord“ (Napoleoni, S. 68).

Eine Grundlage für den Machtzuwachs al-Baghdadis liegt auch in seinem politischen Pragmatismus. Als im irakischen Falludscha sich die dortigen Stämme weigerten, „die ISIS-Fahnen aufzuhängen, wies er seine Kämpfer an, auf das Hissen der Flagge zu verzichten und statt dessen die Kooperation der Kämpfer bewaffneter Gruppen sowie der Clans und Gläubigen zu suchen“ (L. Napoleoni, S. 53).

4. IS – Produkt verfehlter westlicher Interventionspolitik

Zum Thema „Afghanistan“ zitiert Michael Lüders aus einem Interview der französischen Zeitschrift „Le Nouvel Observateur“ vom Januar 1998 mit Zbigniew Brezinski, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter:

Frage: „Als die Sowjets ihre Intervention mit der Absicht begründeten, dass sie das geheime Engagement der USA in Afghanistan bekämpfen wollten, hat ihnen niemand geglaubt. Dennoch war die Behauptung nicht ganz falsch. Bereuen Sie heute nichts“?

Antwort: „Was denn bereuen? Die geheime Operation war eine ausgezeichnete Idee. Das Ergebnis war, dass die Russen in die afghanische Falle gelaufen sind, und Sie verlangen von mir, dass ich das bereue? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten hatten, schrieb ich Präsident Carter: Jetzt haben wir die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu verpassen. Und tatsächlich, fast zehn Jahre lang war Moskau gezwungen, einen Krieg zu führen, der die Möglichkeiten der Regierung bei Weitem überstieg. Das wiederum bewirkte eine allgemeine Demoralisierung und schließlich den Zusammenbruch des Sowjetreiches“.

Frage: „Und Sie bereuen nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt zu haben, in dem Sie künftige Terroristen mit Waffen und Knowhow versorgten“?

Antwort: „Was ist für die Weltgeschichte von größerer Bedeutung? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige fanatisierte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“ (S. 24-26).

Michael Lüders zeigt die aktuelle Fortsetzung dieser Politik mit einem Zitat aus der „New York Times“ vom 24.3.2013 auf: „Mit Hilfe der CIA haben arabische Regierungen und die Türkei ihre militärische Unterstützung für oppositionelle Kämpfer in Syrien erheblich ausgeweitet“ (S. 76).

Auf S. 103 lässt der Autor den ehemaligen CIA-Mitarbeiter Graham Fuller zu Wort kommen: „Die USA hatten nicht die Absicht, den Islamischen Staat zu erschaffen. Aber deren zerstörerische Interventionen im Nahen Osten und der Krieg im Irak waren die beiden entscheidenden Geburtshelfer des IS“.

Lüders fährt fort: „Dessen militärische Führung besteht wesentlich aus der alten Saddam-Generalität, die vor allem mit Amerikanern und Briten noch eine Rechnung offen hat. Ihr Ansinnen ist schlicht, aber offenbar nicht schlicht genug, um nicht doch möglicherweise den gewünschten Effekt zu erzielen. Sie will Amerikaner und Europäer zu einer Bodenoffensive verleiten. Wohl wissend, dass diese einen solchen Krieg nicht gewinnen könnten – siehe Afghanistan, siehe Irak in den Jahren der Besatzung – und sich auf politischen Treibsand begeben würden. Das erklärt die provokanten Enthauptungen britischer und amerikanischer Geiseln, die größte Empörung auslösten und den innenpolitischen Druck besonders auf Präsident Obama verstärkten, endlich ‚etwas zu tun‘. Vorstellbar auch, dass der IS durch Terroranschläge in Europa eine westliche Intervention mit Bodentruppen zu provozieren sucht. Für den ‚Islamischen Staat‘ wäre sie eine willkommene Gelegenheit. ‚Kalif Ibrahim‘ würde sich als moderner Saladin inszenieren, der den Kreuzfahrern die Stirn bietet, er würde zum globalen Dschihad gegen die Ungläubigen aufrufen. Eine riskante Strategie, denn der IS würde ebenfalls einen hohen Preis bezahlen – doch nicht besiegt werden zu können ist für eine Guerillaarmee bereits der halbe Sieg. Nicht zuletzt mit Blick auf die Emotionen, die eine weitere großangelegte Militärintervention in einem islamischen Land unter Muslimen weltweit auslösen würde“ (S. 103).

Während der Abfassung dieses Artikels wurden am 13. November 2015 in Paris Terroranschläge ausgeführt, zu denen sich mutmaßlich der IS bekannt hat: „In dem noch nicht verifizierten Bekennerschreiben steht, ‚Soldaten des Kalifats‘ hätten ‚die Hauptstadt der Abscheulichkeit und Perversion‘ angegriffen. Die Schauplätze der Anschläge seien gezielt ausgewählt worden: das Stade de France, weil Frankreichs Präsident Hollande sich dort aufgehalten habe; die Konzerthalle Bataclan, weil ‚Götzendiener‘ dort gefeiert hätten – tatsächlich spielte dort eine Popband. In dem Schreiben wurden weitere Angriffe gegen Staaten angedroht, die sich wie Frankreich an der Militärkoalition gegen den IS beteiligen“(1).

Diese Anschläge werden vermutlich Folgen weit über das Jahr 2015 hinaus haben.

Jürgen Todenhöfer plädiert für folgende Anti-IS-Strategie: 1. Fairness gegenüber der muslimischen Welt statt Krieg und Ausbeutung. 2. Respekt gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern statt Diskriminierung. 3. Enttarnung des IS als anti-islamische Mörderbande, für die der Islam nur Maske ist. 4. Unterstützung der Wieder-Eingliederung der diskriminierten Sunniten ins politische Leben des Irak. 5. Bekämpfung der weitgehend unbehinderten Rekrutierungs-Maßnahmen des IS.

Dem Fazit Jürgen Todenhöfers ist wenig hinzuzufügen: „Ignoranz, Inkompetenz und rassistischer Dünkel gegenüber Muslimen führen  uns immer tiefer in den Sumpf des Terrors hinein. Das Problem beginnt unlösbar zu werden.  Selbst das haben unsere Anti-Terrorkrieger noch nicht bemerkt“ (2).

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Anmerkungen:
(1) http://www.sueddeutsche.de/politik/terror-in-paris-was-wir-ueber-die-spur-zum-islamischen-staat-wissen-1.2737396
(2) http://www.ksta.de/politik/is-todenhoefer-irak-sote,15187246,31246632,item,3.html

Verwendete Literatur:
1. Michael Lüders, Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet,  München 2015.
2. Volker Perthes, Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen, Berlin 2015.
3. Loretta Napoleoni, Die Rückkehr des Kalifats. Der Islamische Staat und die Neuordnung des Nahen Ostens, Zürich, 2015
(Hinweis von C. Ronnefeldt: In diesem Buch stellt die Autorin immer wieder m.E. problematische Vergleiche an, weshalb
ich die Lektüre nur eingeschränkt empfehlen möchte).
4. Jürgen Todenhöfer, Inside IS – 10 Tage im „Islamischen Staat“, München 2015.

Israel – Palästina: Zwischen Hoffnung, Illusion und Komplexität

11/2015

„Wir brauchen eine Querschnittssolidarität“. Dieser Satz des Nahost-Referenten des Berliner Missionswerks, Jens Nieper, prägte die Tagung der Evangelisch-reformierten Kirche zum Frieden im Nahen und Mittleren Osten. Zweieinhalb Tage lang setzten sich 30 Mitglieder aus den Ausschüssen Theologie, Juden und Christen sowie Partnerschaft und Mission intensiv mit der Frage auseinander „Was fördert den Frieden im Nahen und Mittleren Osten“.

 

Zum Bericht der Tagung.

Muslimische Nachbarn befreien katholischen Pater aus dem Gefängnis des IS. Friedenspreis: Weckruf für den Westen

18. Oktober 2015, Von Franziska Augstein, SZ

Kermanis Dankesrede war… fulminant. Sie war mutig. Sie spielte auf verschiedenen Ebenen. Er erzählte die Geschichte eines katholischen Klosters in Syrien und seiner Bewohner, die sich dem Islam so nahe gefühlt hätten, dass sie sogar den Ramadan einhielten. Er erzählte, dass ein Pater vor einigen Monaten vom IS gefangen genommen, dass sein Bild auf der Internetseite des IS zu sehen gewesen sei: das des Paters und anderer Christen, kahl geschoren, ausgemergelt. Kermani nimmt an, dass der Pater sich schuldig fühle: schuldig, weil er den Christen Mut zugesprochen hatte, sie seinetwegen nicht geflohen waren und so in die Hände des IS fielen. Und er erzählte, dass muslimische Nachbarn vor wenigen Tagen den katholischen Pater aus dem Gefängnis des IS befreit hätten, in einer Aktion, bei der ein jeder Helfer das eigene Leben aufs Spiel setzte.  Zum Artikel.

Der „wahre“ Islam und die Zumutung des Islamischen Staates. Von Martin Schuck.

Der Aufsatz ist zuerst erschienen als Editorial im Pfälzischen Pfarrerblatt 2/2015, 34-37.

Im Blick auf den islamistischen Terror taucht immer wieder die Versicherung auf, dieser habe nichts mit dem „wahren“ Islam zu tun. Begründet wird diese Behauptung damit, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime Terror ablehne und in Frieden leben wolle. Diese Begründung ist allerdings wenig stichhaltig. Natürlich wollen die meisten Muslime, wie überhaupt die meisten Menschen, in Frieden leben. Auch in den Zeiten der Kreuzzüge im Mittelalter und in den Religionskriegen der frühen Neuzeit wollten die meisten Christen friedlich leben. Trotzdem werden gerade die Kreuzzüge von den Muslimen gerne als Argument herangezogen, um die friedliche Absicht des Christentums zu konterkarieren, und umgekehrt akzeptieren die Christen die Kreuzzüge als Teil ihrer nicht immer friedlichen Geschichte.
Allein dieser kurze Blick auf zwei widersprüchliche Sichtweisen macht deutlich: Das Friedenspotential einer Religion ist offensichtlich keine statische Größe, sondern unterliegt geschichtlichen Wandlungen. Weiterhin gibt es innerhalb einzelner geschichtlicher Epochen Ungleichzeitigkeiten innerhalb der Religion selbst. Im Falle des gegenwärtigen Islam widersprechen sich die kriegerische Erscheinungsweise in vielen Weltgegenden und der Friedenswille von 90 Prozent der Muslime keineswegs. Diese Ungleichzeitigkeit von Friedenswille und kriegerischer Absicht macht es unmöglich, verallgemeinernde Aussagen über das Verhältnis des Islam zu Krieg und Frieden, Terror und Gewaltlosigkeit sowie Despotismus und Rechtsstaatlichkeit zu treffen. All diese Phänomene existieren unter den anderthalb Milliarden Muslimen gleichzeitig, und auch die Frage der Mehrheitsverhältnisse ist nicht überall so eindeutig wie hierzulande; Rechtsstaatlichkeit etwa ist im gesamten Nahen und Mittleren Osten trotz einiger Versuche in der Vergangenheit bis heute weitgehend ein Fremdwort geblieben.
Irgendwo an der Grenze zwischen transnationaler Terrorbande und theokratischer Despotie ist der Islamische Staat (IS) anzusiedeln. Von einer reinen transnationalen Terrorbande wie Al-Qaida unterscheidet er sich durch die Strategie, zuerst die Umerziehung der „Ungläubigen“ in der muslimischen Welt vorzunehmen und dann erst den Dschihad in die restliche Welt zu tragen (während Al-Qaida mit dem Dschihad-Export beginnt). Mit einer theokratischen Despotie wie Saudi-Arabien verbindet den IS das Ziel eines islamischen Gottesstaates auf den Grundlagen der Scharia, und zwar in der denkbar strengsten Auslegung, wie sie nur von den wahhabitischen Rechtsschulen gelehrt wird. Der Unterschied zu Saudi-Arabien besteht eigentlich nur in den brutalen Methoden der Machtergreifung; diese Brutalität könnte jedoch nach einer Konsolidierungsphase geringer werden, wenn zur Machtsicherung die Zustimmung der Bevölkerung notwendig wird.
Wer theokratische Despotien wie Saudi-Arabien als gegenwärtige Verwirklichungsform des Islam akzeptiert – und die Nachrufe auf den kürzlich verstorbenen König Abdullah von den wichtigsten Politikern der westlichen Welt legen nahe, dass dies auf breiter Front der Fall ist –, kann kaum glaubhaft behaupten, dass der IS überhaupt nichts mit dem Islam zu tun haben soll. Blendet man einen Augenblick die Brutalität des IS aus, kann man Abu Bakr al- Baghdadi, den Führer des IS, beim Versuch beobachten, auf dem Gebiet zweier auseinanderfallender Staaten eine neue Form von Staatlichkeit wieder herzustellen. Um es deutlich zu sagen: Al-Baghdadi, der mit bürgerlichem Namen Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri heißt und 1971 im irakischen Samarra geboren wurde, kennt die Grundlagen des Islam besser als die meisten seiner Gegner. 2007 wurde er in Bagdad im Islamischen Recht promoviert, und er baut den IS mit dem großmäulig vorgetragenen Anspruch eines „Kalifats“ nach dem Muster anderer islamischer Staaten auf. Er hat mit Abu Ali al-Anbari und Abu Muslim al-Turkmani zwei ehemalige Generäle der Armee Saddam Husseins als Stellvertreter, die für die Provinzen in Syrien und Irak zuständig sind. Die drei Personen bilden zusammen das Emirat, dem neun Räte – mit Ministerien vergleichbar – unterstehen: der Führungsrat, der Schura-Rat (zuständig für religiöse Angelegenheiten), der Militärrat, der Rechtsrat, der Sicherheitsrat, der Geheimdienstrat, der Finanzrat, der Rat zur Unterstützung der Kämpfer sowie der Medienrat. Unterhalb dieser Regierungsebene gibt es zwölf Gouverneure in den sieben syrischen und fünf irakischen Provinzen des IS.
Die bisherige Entwicklung zeigt, dass der IS in seiner Entstehung ein Produkt des Irakkrieges und in seiner rasanten Ausbreitung im vergangenen Jahr eine Folge des syrischen Bürgerkrieges ist. Abu Bakr al-Baghdadi wurde 2004 für zehn Monate im US-Gefangenenlager Camp Bucca im Süden des Irak inhaftiert. Dort saß er zusammen mit Generälen und Geheimdienstleuten des Saddam-Regimes ein; fast die gesamte Führungsriege des IS lernte sich in Camp Bucca kennen. 2006 wurde dann im Irak der „Islamische Staat“ ausgerufen. Der Gründungsaufruf des ISI, wie sich die Gruppe fortan nannte, ist ein 16-Punkte-Katalog des klassischen Wahhabismus, in dem unter anderem betont wird, nach einem Spruch Mohammeds im Hadid, also der Überlieferung der Prophetensprüche, müssten Muslime von einem Muslim regiert werden. 2010 wurde Al-Baghdadi von seinen Gefährten zum Emir gewählt.
ISI verstand sich anfangs als Teil des Al-Qaida-Netzwerkes und vergrößerte sein Einflussgebiet im Irak. Im Syrien beteiligte sich Al-Qaida mit seiner Untergruppe Jabat al-Nusrah am Bürgerkrieg. Anfang 2013 mischte sich ISI ebenfalls in den syrischen Bürgerkrieg ein und nannte sich fortan ISIS. Im Oktober 2013 erklärte Al-Baghdadi den Zusammenschluss von ISIS und Al-Nusrah, gegen den Willen der Führung von Al-Nusrah und ohne Al-Qaida vorher gefragt zu haben. Nachdem der Aufruf des Al-Qaida-Führers Al-Zawahiri zur Einigung unerhört geblieben war, trennte sich Al-Qaida von ISIS. Seither distanziert sich Al-Qaida von der brutalen Unterdrückung der Bevölkerung durch ISIS. Am 29. Juni 2014 erklärte Al-Baghdadi das gesamte von ISIS besetzte Territorium zum Kalifat und nannte die Terrorgruppe um in IS, was den Anspruch untermauern sollte, den „Islamischen Staat“ eben nicht nur im Irak und in Syrien verwirklichen zu wollen, sondern weltweit.
Der IS ist ein neuer Machtfaktor im Nahen Osten, und sein Aufstieg zeigt deutlich, dass es sinnlos ist, unter dem Siegel des Islam auftretende radikale politische Verbände von einem „wahren“ Islam trennen zu wollen. Genauso wie das wahhabitische Saudi-Arabien und der schiitische Iran ist auch der „Islamische Staat“ im Norden Syriens und Iraks eine Realität, die den gegenwärtigen Machtanspruch des Islam abbildet und – wie der fast alle europäischen Länder betreffende Dschihad-Tourismus zeigt – eine enorme Anziehungskraft vor allem auf zum Islam konvertierte Jugendliche und junge Erwachsene ausübt. Soll der christlich-muslimische Dialog den Anspruch haben, über das reine Gespräch hinaus einen praktischen Nutzen zu bringen, muss er auch den dschihadistischen Islam als Realität akzeptieren – zumal diese Ausprägung des Islam auch das zukünftige Zusammenleben zwischen muslimischer und nichtmuslimischer Bevölkerung hierzulande möglicherweise stärker prägen wird als dies gegenwärtig der Fall ist.
In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass die These des US-amerikanischen Politologen Samuel P. Huntington (1927 bis 2008) vom „Clash of Civilisations“ wieder neu in die Diskussion gekommen ist. Huntington hatte 1993 zunächst in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ und dann 1996 in einem voluminösen Buch die These vertreten, dass nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die Weltpolitik nicht mehr von ideologischen Auseinandersetzungen bestimmt werde, sondern von Konflikten zwischen den großen Kulturkreisen. „Die großen politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts heißen Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus, Korporatismus, Marxismus, Kommunismus, Sozialdemokratie, Konservatismus, Nationalismus, Faschismus, christliche Demokratie. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie sind Produkte der westlichen Kultur. Keine andere Kultur hat eine signifikante politische Ideologie erzeugt. Der Westen hingegen hat niemals eine große Religion hervorgebracht. Die großen Religionen der Welt sind ausnahmslos in nichtwestlichen Kulturen entstanden und in den meisten Fällen älter als die westliche Kultur. In dem Maße, wie die Welt ihre westliche Phase hinter sich lässt, verfallen die Ideologien, die für die späte westliche Zivilisation typisch waren, und an ihre Stelle treten Religionen und andere kulturell gestützte Formen von Identität und Bindung. Die im Westfälischen Frieden etablierte Trennung von Religion und internationaler Politik, ein ureigenes Ergebnis westlicher Kultur, geht zu Ende, und die Religion wird, wie Edward Mortimer vermutet, ‚mit zunehmender Wahrscheinlichkeit in die internationalen Angelegenheiten eindringen’. Die intrakulturelle Auseinandersetzung um die politischen Ideen aus dem Westen wird abgelöst von einer interkulturellen Auseinandersetzung um Kultur und Religion.“
Huntingtons Analyse lagen Beobachtung von sogenannten „Bruchlinienkriegen“ zugrunde in Regionen, wo verschiedene Kulturkreise aufeinanderstoßen. Dabei kam dem Islam aufgrund der signifikanten Häufigkeit von kriegerischen Auseinandersetzungen eine Schlüsselstellung zu. Huntington formulierte in seinem Essay in „Foreign Affairs“ den Satz: „Der Islam hat blutige Grenzen.“ Aufgrund der Kritik, die ihm dieser Satz einbrachte, untersuchte Huntington sämtliche Konflikte der frühen 1990er Jahre und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: „Muslime waren 1993/94 an 26 von 50 ethnopolitischen Konflikten beteiligt […]. 20 dieser Konflikte spielten sich zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen ab, davon 15 zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Es gab dreimal so viele interkulturelle Konflikte, an denen Muslime beteiligt waren, als Konflikte zwischen sämtlichen nichtmuslimischen Kulturen. Auch die intrakulturellen Konflikte waren im Islam zahlreicher als in jeder anderen Kultur einschließlich afrikanischer Stammeskonflikte. […] Konflikte mit Beteiligung von Muslimen waren auch tendenziell besonders verlustreich.“ Am Ende steht das Fazit: „Muslimische Kriegslust und Gewaltbereitschaft sind Ende des 20. Jahrhunderts eine Tatsache, die weder Muslime noch Nichtmuslime leugnen können.“
Seltsamerweise wird Huntingtons These gerade im Blick auf den IS zu widerlegen versucht. So schreibt etwa Sebastian Harnisch in der Zeitschrift „Internationale Politik und Gesellschaft“, der „Konflikt mit ISIS in Syrien und im Irak“ sei „kein Zivilisationskonflikt – auch wenn ISIS das gerne so darstellt“. In erster Linie sei es eine Auseinandersetzung „mit einer transnationalen Rebellengruppe, die die bestehende staatliche Ordnung durch einen religiösen Kalifatsstaat fundamentalistischer Prägung ersetzen will. ISIS hat in der Vergangenheit wesentlich mehr gemäßigte Muslime anderer Konfessionen getötet als Angehörige anderer ‚Zivilisationen’.“
Harnisch hätte mit diesen Ausführungen Huntington dann widerlegt, wenn dieser den Islam als monolithischen Block betrachtet hätte. Tatsächlich sind jedoch die „intrakulturellen“ Konflikte innerhalb des Islam Teil seiner Analyse, wenn er etwa den Revolutionsexport aus dem wahhabitisch verfassten Saudi-Arabien nach Bosnien beschreibt. Die Radikalisierung des bis dahin gemäßigten bosnischen Islam wirkte im damaligen Krieg um die Neuordnung des zerfallenden Jugoslawien wie ein Brandbeschleuniger. Tatsächlich hatte Huntington vor 20 Jahren die damals bekannten Fakten richtig gedeutet: Nach dem Ende der Ost-West-Auseinandersetzung entstand ein ideologisches Vakuum, und in fast allen Ländern mit muslimischer Bevölkerung gab es früher oder später Versuche, islamistische Parteien oder von islamistischen Staaten finanzierte Milizen in die nationale Politik einzuschleusen. Taliban, Hamas und Hisbollah waren nicht der Anfang, genauso wenig wie Boko Haram in Nigeria, al-Shabaab in Somalia, Abu Sayyaf auf den Südinseln der Philippinen und der Islamische Staat das Ende sind – sie markieren lediglich eine neue Eskalationsstufe.

vgl. den Artikel von Sebastian Harnisch: Clash of ignorance.

Was der IS Terror mit der Reformation gemein hat

Der Terror des sogenannten islamischen Staat mutet für viele als die Barbarei einer anderen Zeit an. Ein Rückfall in dunkle Zeiten des Mittelalters.

Doch dieser Eindruck täuscht, viele Aspekte des Systems sind Teil der Modernde. Die Vorstellung einer Utopie, die sich im Akt etabliert ist etwas neues. Sie passt in die Kommunikationswege unserer Zeit. Die Teilhabe an dem Terror und der Zerstörung in sozialen Netzwerken ist eine instant sichtbare Machtdemonstration.

Vieles was im Machtbereich des Terrorkalifats geschieht hat parallelen zur fehlgeleiteten Splittergruppen der Reformation. Damit sind sie Teil der Neuzeit und unseren Impulsen und Logiken nicht so weit entfernt, wie wir es gerne hätten. Apokalyptische Naherwartung, Bilderstürme und die zwangsweise Errichtung eines vermeintlich gottgefälligen Lebens durch Terror sind auch Konzepte einiger Reformatoren gewesen.

In der Welt schreibt Richard Herzinger, „Was der IS Terror mit der Reformation gemein hat“.

Der Artikel ist lesenswert. Denn der Islam hat kein Monopol auf fehlgeleitete Eiferer.