Die Tempelreinigung (Matthäus 21,12 ff., par.) oder: War Jesus gewalttätig? Von Pfarrer i. R. Hans Dieter Zepf

02/2016

Die Geschichte von der Tempelreinigung Jesu wird in allen vier Evangelien berichtet. Bei den Synoptikern (Matthäus, Markus und Lukas) begegnet sie uns im Rahmen der Passionsgeschichte. In Johannesevangelium wird sie an den Anfang der Tätigkeit Jesu in Jerusalem gesetzt.
Die Szene ereignet sich im Tempelvorhof. Die Historizität der Tempelreinigung ist umstritten (1).
Die Tempelreinigung wird immer wieder als Legitimation dafür benutzt, dass Jesus zumindet punktuell gewalttätig war. Die Beschreibung der Tempelreinigung im Johannesevangelium scheint dem recht zugeben: „Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um …“ (Johannes 2, 14f.).
Die Vorstellung, dass Jesus mit einer Geißel auf Menschen eingeschlagen hat, ist fragwürdig. Weder Jesu Wirksamkeit, seine Verkündigung noch sein Verhalten, das die Evangelien in der Passionsgeschichte berichten, lassen einen solchen Schluss zu.
Der synoptische Vergleich zeigt „dass Jesus die Verkäufer und Käufer (Lukas: nur die Verkäufer) hinausgetrieben“ hat (2) „ohne auch nur im Ansatz darüber zu informieren, ob er es mit oder ohne Gewalt und wie er es erfolgreich getan haben könnte; ihrer Aussage nach wäre nicht auszuschließen, dass es Jesus am Ende durch Überzeugungskraft gelungen sein könnte, die Geschäftleute aus dem Tempel zu weisen“ (3). Nur bei Johannes benutzt Jesus eine Geißel zur Austreibung.
Aber der griechische Text im Johannesevangelium „läßt aufmerken: sind darin nicht jene ‚alle‘, die Jesus aus dem Tempel hinaustreibt, als ‚Schafe‘ und ‚Rinder‘ näher erklärt? Ist tat te probata kai tous boas (te … kai = sowohl … als auch) nicht deutlich Apposition zu pantas? Wenn dem so ist, dann ergäbe der Satz folgenden Sinn: Jesus treibt mit einer Geißel alle Schafe und Rinder aus dem Tempel hinaus“ (4). Diese Aussage wird von nicht wenigen Übersetzungen unterstrichen (vgl. Züricher Bibel, Albrecht-Bibel, Wilckens-Bibel, die Gute Nachricht etc). Auch zahlreiche Kommentatoren übersetzen im selben Sinn (5).
Aber auch eine ganz praktische Überlegung lässt an einem Gewaltakt Jesu zweifeln. Bei einem Tumult, den ein Gewaltakt Jesu hervorgerufen hätte, hätte sofort die Tempelpolizei und schließlich auch die römische Garnison auf der Burg Antonia eingegriffen (6).
Worum handelt es sich also bei der Tempelreinigung? „Bei der sogenannten Tempelreinigung handelt es sich vermutlich um eine prophetische Demonstration, man könnte auch sagen: Provokation, bei der es nicht um die Vertreibung sämtlicher Händler und Geldwechsler ging – dies wäre ohne eine große Truppe und einen entsprechenden allgemeinen Aufruhr nicht möglich gwesen und hätte zum Eingreifen der Tempelwache und der Römer geführt -, sondern um eine demonstrative Verurteilung ihres Treibens, die sich zugleich gegen die herrschende Tempelaristokratie richtete, die daraus ihren Gewinn zog. Auch hier stand vermutlich nicht die Aktion – die wäre, auf sich selbst gestellt, sinnlos gewesen -, sondern das Wort im Mittelpunkt“ (7).
Als Fazit ist festzuhalten, dass es sich bei der sogenannten Tempelreinigung nicht um einen gewaltätigen Akt gehandelt hat.
Anmerkungen
(1) „Schalom Ben-Chorin bestreitet gar die Historiziät der Tempelreinigung und verweist ihre Erzählung in den Bereich der ‚Erfüllungssage‘, hier mit Bezug auf Sach 14,21: ‚Und kein Händler wird an jenem Tag mehr im Haus des Herrn der Heere sein'“ (Quelle, vgl. Anmerkung 365, Spiegel, S. 86). „Eine Tempelreinigung so wie sie berichtet ist, hält er für ausgeschlossen: ‚Die Vorstellung, dass Jesus, mit einer Geißel aus Stricken bewaffnet, die Wechslertische umstößt und die Beamten der Tempelbank zum Tempel hinausjagt, ist zu abenteuerlich, um wahr zu sein. Daß auf eine solche Störung der öffentlichen Ordnung (oder Unordnung) keine Verhaftung erfolgt sein sollte, ist kaum anzunehmen“ (Quelle, vgl. Anmerkung 366, Spiegel, S. 86f). „Andere halten den Text als reine Gemeindebildung für schwer vorstellbar und vermuten zumindest einen historischen Hintergrund, anerkennen dabei aber auch dass das ursprüngliche Ereignis von den Evangelisten in jeweils unterschiedlichem Maße gesteigert wurde“ (Spiegel, S. 86 f., vgl. hierzu auch die Anmerkung 367, S. 87). vgl. auch S. Schulz, S. 49: „Daß die Szene der Tempelaustreibung … schon bei Markus nicht historisch sein kann, ist deutlich. Ein Einzelner konnte den riesigen Vorhof von 80 000 m2 gar nicht kontrollieren; außerdem hätte die Tempelpolizei eingegriffen, und schließlich wäre ein solcher Tumult der römischen Garnison auf der Burg Antonia nicht unbemerkt geblieben“.

(2) „Da Jesus die nach Mt und Mk ‚im Tempel Verkaufenden und Kaufenden‘ (also nicht nur die Verkäufer) aus dem Tempel verjagt habe, könnte, so Karl Herbst, ‚hinauswerfen‘ (ekballo) hier, wie so oft im Neuen Testament, ‚aus seiner Gemeinschaft ausstoßen‘ heißen, etwa in dem Sinn: ‚Wer von euch im Tempel verkauft und einkauft, wer also Gott weiterhin zum Kaufmann degradiert, statt vertrauend ihn zu bitten, der gehört nicht mehr zu mir!“ (vgl. Spiegel, Anmerkung 347, S. 83f.).

(3) Spiegel, S. 83 f.

(4) Spiegel, S. 84

(5) Spiegel, Anmerkung 354, S.84 f.

(6) „Der Vorhof des herodianischen Tempels, der zugleich die Stelle der Agora bzw. des Forums von Jerusalem vertrat, war über 450 m lang und rund 300 m breit. An der Nordwestecke befand sich die Burg Antonia, besetzt von mindestens einer römischen Kohorte mit 500 bis 600 Mann und durch eine breite Treppe mit dem Tempel verbunden, über die die Garnison, wie die Vorgänge bei der Verhaftung des Paulus im Tempel Apg 21, 27 ff zeigen, jederzeit eingreifen konnte. Nach Josephus waren bei den großen Festen noch zusätzlich Soldaten auf den Dächern der äußeren Säulenhalle postiert, die das Treiben auf dem großen Vorplatz zu beobachten hatten. Jeder größere Tumult hätte unweigerlich zum Eingreifen der Besatzung geführt, zumal Pilatus in diesem Punkt nicht zimperlich war“ (Hengel, S. 15).

(7) Hengel, S. 15 f.
Literaturangaben
Grundmann, W.: Das Evangelium nach Matthäus, Berlin, 2. Aufl. 1971

Hengel, M.: War Jesus Revolutionär?, Stuttgart, 3. Aufl. 1971

Schweizer, E.: Das Evangelium nach Matthäus, Göttingen 15. Aufl. 1981

ders.: Das Evangelium nach Markus, Göttingen 15. Aufl.1978

ders.: Das Evangelium nach Lukas, Göttingen 18. Aufl. 1982

Schulz, S.: das Evangelium nach Johannes, Göttingen 14. Aufl. 1978

Strathmann, H.: Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 11. Aufl. 1968

Spiegel, E.: Gewaltverzicht, Grundlagen einer biblischen Friedenstheologie, Kassel 2. Aufl. 1989

Yoder, J. H.: Die Politik Jesu – der Weg des Kreuzes, Maxdorf 1981

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.