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Nein zu ‚Reformen‘ nicht nur in der Kirche: „Tätiger Widerspruch. Über die Bologna-Reform und ihre Folgen.“ Von Prof. Volker Gerhardt, Berlin

Tätiger Widerspruch. Über die Bologna-Reform und ihre Folgen.

in: Forschung und Lehre 11/2014

Zum Autor: Professor Volker Gerhardt lehrte bis zu seiner Emeritierung 2014 Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er wirkte mit in zahlreichen Universitäts-, Akademie- und Fachkommissionen. Von 2002 bis 2012 war er Mitglied im Nationalen Ethikrat. Letzte Buchveröffentlichung: Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, München 2014 (C.H. Beck).

Kritik am Niedergang der Universität

Die Andeutungen lassen erkennen, dass unter dem permanenten Anspruch auf Reform zwar vieles anders und manches gewiss auch besser geworden ist. Dennoch ist es den Universitäten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlechter gegangen. Daran hat das Strohfeuer der Exzellenzinitiative nichts geändert. Jetzt aber hat die Studienreform nach dem Bologna-Modell das Zeug, den deutschen Universitäten den Geist auszutreiben, also eben das, was sie im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert zum Vorbild für anspruchsvolle Universitätsgründungen in aller Welt gemacht hat…

»Die Studienreform nach dem Bologna-Modell hat das Zeug,
den deutschen Universitäten den Geist auszutreiben.«

So kam es zu der verhängnisvollen Verwechslung von Vergleichbarkeit und Vereinheitlichung. Insbesondere die Hochschulpolitiker in Deutschland sahen in den Richtwerten für den Vergleich, verbindliche Vorgaben für die Angleichung, aus der nichts anderes als eine Nivellierung werden konnte. So kam es zu einer durchgreifenden Neuorganisation von oben. Sie wurde mit der institutionellen Härte kurzer Fristen und mit dem herben Charme finanziell begünstigter, aber eben auch sanktionsbewehrter Leistungsvereinbarungen durchgesetzt. Den Flankenschutz bot die bürokratische Neuerfindung der Akkreditierungsbüros, die immerhin Arbeitsplätze für Personen schafften, die für ihre gescheiterte Universitätskarriere entschädigt und als Prüfer und Berater eben der Institution wirken konnten, die ihnen die erwünschte Tätigkeit versagt hatte…

Ein regelrechtes Schurkenstück muss man es nennen, dass die Einführung der Bologna-Studiengänge als „kostenneutral“ ausgegeben wurde. Jeder konnte wissen, dass der Erfolg der neuen Formen der Lehre an zusätzliche Leistungen für Betreuung, Begleitung und Beratung der Studierenden gebunden ist. Darauf aber waren die Personaletats der Hochschulen nicht eingestellt, und sie wurden selbst dann nicht angehoben, als der Mangel himmelschreiend war. ..

… Und so ist es mit der Überrollung durch Bologna zu einer weiteren Überlast für die ohnehin überlasteten Universitäten gekommen… Aus dem Studium ist ein Prüfungsmarathon geworden, der die Beteiligten erschöpft, ohne ihnen das Gefühl zu geben, ein Ziel erreicht zu haben. Der sprunghaft gestiegene administrative Aufwand lähmt überdies die Verwaltung in den Fakultäten und Instituten. Nun liegt der Niederschlag der Reform wie Mehltau auf den einzelnen Disziplinen. Was gut gemeint war, hat im Effekt großen Schaden angerichtet. Deshalb kann es bei dieser Reform nicht bleiben.

in: Forschung und Lehre 11/2014