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Basis-Mitwirkenden-Ebene

Kehrtwende im Rheinland. Von Manfred Alberti.

01/2018

Viele rheinische Gemeinden klagen seit Jahren über die Lasten, die ihnen durch die massiv ausgeweitete Macht und Kosten der Kirchenkreisverwaltung und die Entmachtung der Presbyterien und der Gemeindeebene entstanden sind.

Nun haben Kirchenleitung und Landessynode auf der Landessynode 2018 mit dem „Erprobungsgesetz“ eine Notbremse gezogen: Gemeinden und Kirchenkreise können bei fast allen kirchlichen Rechtsvorschriften einschließlich der Kirchenordnung in den nächsten fünf Jahren die Initiative ergreifen, Neuerungen mit jeweiliger Genehmigung der Kirchenleitung auszuprobieren. Den zunehmend ihrer Verantwortung beraubten Gemeinden wird damit wieder die Möglichkeit eingeräumt, kirchen- und gemeindegestaltend aktiv zu werden. Die Basis kann wieder Gemeindearbeit so strukturieren, wie es für ihre individuelle Gemeinde gut ist.

„Abgehakt“ sind damit die Träume in dem Papier der AG „Leichtes Gepäck“ von einer weitgehenden Autonomie der Kirchenkreisebene. Bei der Erprobung von Abweichungen von bisherigen Vorschriften und Verordnungen, von Regelungen der Kirchenordnung und von Gesetzen entscheidet auch in Zukunft die Kirchenleitung. Eine Interessenabwägung zwischen Gemeinden und Kirchenkreis ist damit gewährleistet.

Mit dem von der Kirchenleitung vorgelegten Erprobungsgesetz (EPG) (Drucksache 16 http://www.ekir.de/www/downloads/DS16Erprobungsgesetz.pdf geändert durch P 10 http://www.ekir.de/www/downloads/P10-Erprobungsgesetz.pdf , ausg. §1 Abs.3e) hat die Landessynode einen Rahmen geschaffen, in dem Kirchengemeinden und Kirchenkreise Möglichkeiten bekommen können, wie sie z.B. ihren „Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum“ (EPG § 1, Abs. 2) gegenüber den bisherigen Regelungen erweitern können. Durch die Erprobungen in örtlich begrenzten und auf längstens fünf Jahren befristeten Zeiträumen wollen Kirchenleitung und Landessynode Erkenntnisse über die Folgewirkungen von Regelungen gewinnen. Auf einer solchen Erfahrungsbasis können sie dann entscheiden, ob es sinnvoll ist, neue Regelungen in allgemein geltendes Recht einzubauen.

Die Landessynode hat Abschied genommen von der Vorstellung, mit einem Gesetz oder einer Verordnung die beste Lösung für alle Gemeinden oder Kirchenkreise des Rheinlandes treffen zu können. Ein größerer Spielraum für individuellere Lösungen wird der Bandbreite rheinischer Gemeinden eher angemessen sein.

Da sich neue Regelungen ausdrücklich auch beziehen können auf „die Aufgabenwahrnehmung durch kirchliche Verwaltungen“ (EPG §1 Abs. 3b), könnte Gemeinden z.B. die Möglichkeit eröffnet sein, Gemeindeaufgaben wieder in die eigenen Hände zu bekommen:

Bauverwaltung durch professionell kompetente ehrenamtliche Baukirchmeister statt durch Verwaltungsmitarbeiter,

ehrenamtlich zu bewältigende Aufgaben können wieder auf die Gemeindeebene zurückgegeben werden,

eigenes Gemeindeamt durch teilweise Übernahme von Verwaltungsaufgaben wieder in eigene Verantwortung,

mehr Personalverantwortung und Stellenanteile für die eigene Gemeindearbeit, statt aufgeblähte Verwaltungen finanzieren zu müssen, etc. etc.

Gemeinden eröffnet sich so die Chance, starre Regelungen des Verwaltungsstrukturgesetzes und des Personalplanungsgesetzes für sich probeweise aufheben zu lassen zugunsten einer gemeindenäheren Verwaltung, die besser die Gemeindearbeit unterstützt als ferne Verwaltungsämter.

Mit dem Erprobungsgesetz kann auf die unterschiedlichen Situationen der 694 rheinischen Gemeinden wesentlich individueller und somit besser eingegangen werden. Zukünftige Regelungen gleich welcher Art werden dann frühzeitig auf ihre Wirksamkeit überprüft und durch eine Art „best practice“ optimiert.

Jetzt sind der Ideenreichtum und die Initiativen der Gemeinden gefragt, damit zukünftig kirchliches Recht nicht Gemeindearbeit unnötigerweise belastet und einschränkt, sondern die Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume der Verantwortlichen an der Basis, der PresbyterInnen, der Gemeindeglieder, der haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und der PfarrerInnen gestärkt werden.

Eine Neuerung des Erprobungsgesetzes ist im wahrsten Sinne sensationell: Gemeinden können sich mit ihren Erprobungsvorschlägen erstmals direkt an die Kirchenleitung (natürlich auf dem Dienstweg) wenden. Sie müssen nicht den Weg über eine Mehrheit in ihrer Kreissynode suchen, um einen Vorschlag an die Landessynode richten zu können. Natürlich werden Kirchenkreisinstitutionen im Rahmen des Verfahrens um ihre Stellungnahme gebeten, aber die Initiative von Gemeinden kann sich direkt an die Kirchenleitung richten.

Damit führt die Landeskirche auch eine Möglichkeit ein, schnell und ohne auf den jährlichen Turnus der Synode angewiesen zu sein, Neuerungen (probeweise) installieren zu können. Erprobte gute Vorschläge könnten andere Gemeinden aufgreifen und für sich nutzen. Die Gemeindeebene, in der presbyteriale Leitungsgremien in der direkten Kommunikation mit den Gemeindegliedern stehen, bekommt damit wieder ein ihr angemessenes Gewicht bei der Gestaltung kirchlicher Arbeit.

Wenn jetzt die Gemeinden die neuen Möglichkeiten wahrnehmen und nutzen, kann dieses Erprobungsgesetz ein riesiger Schritt zu guter Gemeindearbeit und zu vernünftiger Aufsicht und Leitung sein. Nachdem sich die gewaltigen Nachteile der Umwälzungen durch Verwaltungsstrukturgesetz, NKF etc. für die Gemeinden und damit für die Basis unserer Kirche nicht mehr verschweigen lassen, kann man sich nur freuen, dass sich Kirchenleitung und Landessynode zu einem solchen mutigen Schritt der Umkehr entschlossen haben.

Anm. F.S.: Mutiger Schritt der Umkehr?

 

Bericht von der Wir sind Kirche-Tagung „Baustelle Gemeinde“

12/2017

… „Baustelle Gemeinde –
Gemeinden finden Lösungen“
Auf der Wir sind Kirche-Gemeinde-Tagung am letzten Oktoberwochenende
in Ulm leitete der Innsbrucker Pastoraltheologe
Prof. Dr. Christian Bauer die Grundaufgaben christlicher
Gemeinden aus den Grundsatzbeschlüssen des Zweiten
Vatikanischen Konzils (1962-1965) ab. Für eine zukunftsfä-
hige Seelsorge und Struktur der kirchlichen Einrichtungen, so
Bauer in seinem Referat „Drinnen daheim und draußen zuhause?“,
brauche es Orte der Nähe in einem Raum der Weite.
Im gegenwärtigen Strukturwandel müsse es weiterhin kleine
Gemeinden als Orte der Nähe einer attraktiven „Komm-herKirche“
der Sammlung geben. Zugleich brauche es für eine
missionarische „Geh-hin-Kirche“ aber auch größere Einheiten
der missionarischen Sendung. …

Mehr dazu.

Herbstsynode ELK Württemberg: Projekt „Kirchliche Strukturen 2024Plus“

12/2017

in der Sitzung der 15. Landessynode am 28. November 2017


Projektziele
Bei den Projektzielen stehen einerseits eine weitergehende Entlastung des Pfarrdienstes, insbesondere
im Bereich der Verwaltungsaufgaben im Pfarramt und andererseits die neu entstehenden
Herausforderungen mit der Einführung des neuen Rechnungswesens im Vordergrund. Darüber
hinaus sollen die weitergehenden Verwaltungsstrukturen, Prozessabläufe und die Aufgabenverteilung
kritisch in den Blick genommen werden.
Durch das Projekt sollen bis Ende der Legislaturperiode aufgrund der gewonnen Erkenntnisse
wirklichkeitsnahe und umsetzbare Entwicklungsvorgaben für eine Verwaltungsstruktur 2030 einschließlich
entsprechender Empfehlungen für Änderungen der kirchengesetzlichen Vorgaben erarbeitet
sein. Diese sollen für die Kirchengemeinden, Kirchenbezirke und die Landeskirche vorliegen
und neben den bereits gesetzlich vorgesehenen Beteiligungsprozessen (z. B. Pfarrervertretung,
MAV, RPA etc.) im Rahmen eines breiten und stets transparenten Beteiligungsprozesses mit den
Beteiligten insbesondere auch weiteren wichtigen Multiplikatoren, wie der Kirchengemeindetag
Kirchenpflegervereinigung und der Pfarrverein vor einer möglichen Umsetzung erörtert sein.

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Wir sind Kirche-Tagung „Baustelle Gemeinde“ und 40. öffentliche Bundesversammlung

27.-29. Oktober 2017 in Ulm

Wir sind Kirche-Gemeindetagung „Baustelle Gemeinde“

Auf der im Zusammenhang mit der Bundesversammlung stattfindenden Gemeinde-Tagung leitete der Innsbrucker Pastoraltheologe Prof. Dr. Christian Bauer die Grundaufgaben christlicher Gemeinden aus den Grundsatzbeschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ab. Für eine zukunftsfähige Seelsorge und Struktur der kirchlichen Einrichtungen, so Bauer in seinem Referat „Drinnen daheim und draußen zuhause?“, brauche es Orte der Nähe in einem Raum der Weite. Im gegenwärtigen Strukturwandel müsse es kleine Gemeinde als Orte der Nähe einer attraktiven „Komm-her-Kirche“ der Sammlung geben….

 

Mehr dazu.

In der Kirche ist viel Platz

25.6.2017 Süddeutsche Zeitung

Die Kirche in Isarvorstadt ist für ihre Gemeinde zu groß geworden. Als man sie baute, bot sie Platz für 20.000 Gläubige. Nun sind es nur noch 3000. Nun sucht der Pater Stefan Maria Huppertz nach neuen Konzepten für den Innenraum. Ein Teil der Kirche könnte nach der Sanierung anders als bisher genutzt werden.

Lesen Sie hier den Artikel.

Riesenpfarrein können nicht funktionieren

13.6.2017 kath.net

Die geplanten Riesernpfarreien der katholischen Kirche können die Arbeit nicht leisten. Bei ihnen wird die Bindung der Gläubigen an die Gemeinde abgeschafft werden. Niemand wechselt ständig seinen Hausarzt. Warum glaubt die Kirche, das ihr Konzept also funktioniert.

Lesen Sie hier den Artikel.

44 Hamburger Gemeinden droht die Schließung

3.6.2017 Hamburger Abendblatt

In Hamburg sind 44 Gemeinden von der Schließung bedroht. Viele wurden in den siebziger Jahren gebaut. Als die Prognosen noch von einer Verdoppelung der Glaubenden ausging. Nun zeigen die Prognosen in die andere Richtung und Gemeinden werden zusammen gelegt. Viele Kirchen und Gemeindehäuser sollen anders genutzt werden. Der Artikel schreibt über verschiedene Erfahrungen, die Gemeinden mit den Strukturreformen machen.

Lesen Sie hier den Artikel.

Das Projekt „Verwaltungsdienstleistungen für Kirchengemeinden“ der ELKB

04/2017

4. Das Projekt „Verwaltungsdienstleistungen für Kirchengemeinden“ der ELKB

in: Bausteine eines Kirchenmanagements
von Alexander Stock

Wenn man das Management in oder von einer Organisation beschreiben will, so betrachtet man üblicherweise die normalen Prozesse und Strukturen in dieser Organisation. Im Allgemeinen und abstrakt besehen sind alle Organisationen sehr ähnlich strukturiert. Es gibt ein Oben und ein Unten, Spezialisten, die sich um Buchhaltung oder die Produktion bzw. Dienstleistung kümmern.
Organisationen werden von den in ihr tätigen Menschen getragen und zumindest innerhalb eines Kulturkreises unterscheiden diese sich letztlich zwischen den Organisationen höchstens durch Bildung und Kleidung, aber sonst nicht besonders. …

 

Mehr dazu, vgl. 4. das Projekt „Verwaltungsdienstleistungen…“

Wo bleibt die Kirchensteuer? Kommentar einer Landpfarrerin zu einem Artikel aus der FAZ.

Wo bleibt die Kirchensteuer? FAZ, 27.03.17

Ein Artikel aus der FAZ, der zum Nachdenken anregt. Meine Vermutung geht aber dahin, dass innerhalb der EKHN die FR häufiger gelesen wird, denn die FAZ ist ja mit dem Vorurteil „konservativ“ belegt und konservativ war in der EKHN schon immer schlecht. Aber das nur am Rande.

Ich habe das Gefühl, dass der großstädtische Zentralismus, den unsere EKHN pflegt, den Sinn für kleinstädtische oder gar ländliche Realitäten verzerrt. Gerade was die finanzielle Ausstattung der Gemeinden angeht.
Ich selbst bin Pfarrerin eines ländlichen Kirchspiels, bestehend aus drei Ortschaften, werde demnächst mit der Nachbargemeinde fusioniert. Momentan bekommt die größere der Gemeinden mit Pfarrhaus und zwei Kirchen Zuweisungen um die 24.000€, die kleinere der Gemeinden mit einer Kirche knapp 14.000€. Wir haben drei angestellte Küster, die sich um die Kirchen und die Außengelände kümmern, haben eine Organistin, eine Reinigungskraft fürs Büro und eine Sekretärin mit 16 Stunden im Monat angestellt. Und sind an einem von der Gesamtkirche geförderten, aber eben auch „geforderten“ überregionalen Projekt beteiligt, das uns derzeit ca. 3.000€ im Jahr kostet.
An Fixkosten für Gehälter und Honorare, für Energie- und Wartungskosten und unumgängliche Gebühren, wie GEZ und Telefon, schlagen bei beiden Gemeinden zusammen ca. 30.000€ im Jahr zu Buche. Es bleiben gerade einmal 8.000€ über, von denen die kleine Bauunterhaltung, Grußheftchen, Urkunden, Gemeindebriefe, Materialien bezahlt werden müssen.
In den letzten 7 Jahren war in der größeren der Gemeinden der Haushalt jedesmal defizitär und das, obwohl ich als Pfarrerin schon seit ich im Amt bin Abstriche bei mir selbst mache, mir keine Fahrt- und Reisekosten erstatten lasse, sämtliche Arbeitshilfen und Arbeitsmaterialien, auch die Bürotechnik, z.B. Laptop, Scanner, Drucker, Digitalkamera und arbeitserleichternde Computerprogramme, Rasenmäher und Heckenschere aus eigenem Säckel bezahle, und wie schätzungsweise alle Kollegen, die 90ct für Büroklammern und die 1,10€ für Traubensaft im Supermarkt nie extra abrechne, sondern einfach mal eben mitbezahle.
Für diesen (strunzdoofen) Altruismus darf ich mir noch den Vorwurf unserer Pröpstin anhören, die nämlich behauptet, durch dieses Verhalten falle man allen Kollegen in den Rücken, die auf Fahrtkostenerstattung bestehen. Mir schwant: Es mag da was dran sein.

Nur, was ist denn die Alternative? Wo soll das Geld herkommen? Wo soll ich sonst sparen? Soll es jetzt nicht einmal das 59ct Grußheftchen zum Geburtstag geben? Heizen wir die Kirchen nicht mehr und riskieren damit, die ewig frierenden 80-jährigen Gottesdienstbesucherinnen auch noch zu verprellen? Schicken wir nur noch 2x im Jahr einen Gemeindebrief raus und laden nicht mehr per Wurfzettel zu besonderen Veranstaltungen ein, wie es die Vereine hier tun, weil die Mobilfunkverbindung zu schlecht ist für Whatsapp? Soll ich gar wie vor 100 Jahren zu Fuß in die Filialen wandern (würde mir sicher nicht schaden), um Fahrten zu vermeiden? Was aber lass ich für das Mehr an verbrauchter Zeit liegen?
Klar, auf diese Weise könnten wir schätzungsweise 600-700€ im Jahr einsparen und damit 50% meiner Fahrtkosten decken – oder sie auch für andere ebenso wichtige Dinge verwenden.

Wir sind so schlecht finanziell ausgestattet, dass der sprichwörtliche Bock nicht fetter wird, trotz aller Einsparungsbemühungen. Eigentlich quälen wir das arme Tier nur noch, weil wir sein Verhungern herauszögern. Ich kann’s auch in einem anderen tierischen Sinnbild verdeutlichen: der Gaul, den wir mit Umschichtungen im Haushalt reiten, ist längst tot geritten.

Ein paar Beispiele aus dem Gemeindealltag:

In den letzten Jahren sind in unserer Regionalverwaltung Stellen abgebaut worden. Ein Teil der dort abgebauten Aufgaben wurde an die Pfarrbüros zurück übertragen. Gleichzeitig werden die Verwaltungsaufgaben für die Pfarrer immer komplexer (Wann genau im Studium und Vikariat habe ich eigentlich gelernt, Geschäftsbriefe, Rechnungen, Spendenbescheinigungen oder Personalzeugnisse zu schreiben oder Personal- und Haushaltspläne zu lesen und zu erstellen?). Auch Pfarrstellen wurden und werden abgebaut, die Arbeitsaufgaben aber nicht. Die Folge in meiner Gemeinde war, dass wir aus der einfachen „Schreibkraft“ im Büro eine höhergruppierte „ausgebildete Bürokraft“ machen mussten, die Aufgaben übernommen hat, die eigentlich eine Eingruppierung einer noch höher dotierten „Verwaltungskraft“ rechtfertigen würde. Leisten können wir uns das nicht.

Moderne – extrem teure – Energiespartechnik, musste nach Richtlinien der Gesamtkirche bei der Bausanierung angeschafft werden, überfordert aber regelmäßig unsere alt gewordenen Küster und ist leider extrem störungsanfällig. Immer wieder müssen Fachfirmen von jwd kommen, die bei der Kirchensanierung engagiert werden mussten, weil sie 10ct billiger waren als die Firma vor Ort. Alleine die Anreisekosten derer im letzten Monat haben die Einsparung damals erheblich übertroffen.
Und auch viele staatliche Auflagen, z.B. die Sanierung der Öltanks, Schornsteine oder auch Kanalisationsarbeiten der Kommune mit teils Kosten im 20.000€-Bereich haben uns in der Vergangenheit enorm belastet, ohne dass es da einen Ausgleich von der Gesamtkirche gab. Die Kollekten unserer Gemeindeglieder wurden dafür verwendet – ich bin mir aber nicht sicher, dass diese diesen Verwendungszweck im Sinn hatten, als sie ihre DM in den Klingelbeutel warfen

Gerade hat unsere Küsterin gekündigt. Wir werden die Stelle wohl nicht mehr ausschreiben können, da wir die Finanzierbarkeit der Stelle, trotz Reduzierung des Arbeitsumfanges, für mehrere Jahre nicht sicherstellen können. Seit letztem Jahr muss das Geld ja für mindestens drei Jahre im Voraus vorhanden sein.
Wir haben nun die Wahl, das Geld aus der auch nicht mehr so üppig gefüllten Kollektenkasse in den Haushalt einzustellen und die Kollektenkasse noch schneller zu leeren oder künftig auf einen Küster zu verzichten.
Für die Herrschaften am Paulusplatz ist die Entscheidung ganz klar. Da hört man dann: „Bei uns in Darmstadt/Frankfurt/Wiesbaden haben wir auch keinen Küster mehr (der angestellte Hausmeister wird unterschlagen). Da machen den Küsterdienst – das bisschen Glockengeläute und Wein einschenken – EHRENAMTLICHE. Die wollen da kein Geld für haben. Sie müssen versuchen mehr Ehrenamtliche zu rekrutieren. Es liegt an Ihnen, wenn Sie keine finden.“
Ein schlauer Satz, wenn man in einem 400-Einwohner Dorf wohnt, in dem 40 Menschen unter 18 und 120 Menschen über 80 sind und der Rest entweder täglich 200km Arbeitsweg hat oder als Teilzeitkraft, Hausfrau und RentnerIn auch noch ehrenamtlich die Verwandtschaft zu Arzt und Supermarkt kutschiert, deren Höfe, Gärten, Gräber mit pflegt, Vorstandsarbeit in Vereinen leistet, im KV, der Synode und in diversen Ausschüssen sitzt, alle 14 Tage Prädikantendienst verrichtet, den Kigo verantwortet, die Kollektenkasse führt, Geburtstagsbesuche macht etc. Meine KVs haben ALLE innerhalb der Kirchengemeinde oder des Dekanats mindestens drei weitere Ehrenämter übernommen und in ihren Ortsteilen bei Kommunen und Vereinen sicher noch vier oder fünf mehr. Da geht nichts mehr! Da hat keiner Lust darauf auch noch die Hausmeister- und Küsteraufgaben zu übernehmen, zu Trauerfällen und Geburten zu läuten, den Rasen zu mähen, das Gelände und die Kirche sauber zu halten und zu pflegen und zwei Stunden beim Orgelstimmen die Tasten zu drücken.
Unsere kurhessischen Nachbarn haben einen Großteil der Küster-Aufgaben an Konfirmanden delegiert. Bei jährlich 2 Konfis aber auch utopisch, davon abgesehen, dass ich Kinderarbeit ablehne und 12-jährigen auch ungern zumuten wollte 2000qm Rasen zu mähen oder 500m Weg Schnee zu fräsen.

Das andere Mantra, das man vom Paulusplatz hört, ist: „Betreiben Sie Fundraising! Gründen Sie eine Stiftung!“
Ganz toller Tipp! Ich habe fünf Gottesdienstorte, weiß jetzt schon nicht, wie ich meine Arbeit und meine kirchlichen Ehrenämter – derzeit fünf – bewältigen soll, – wer will’s denn machen als der Pfarrer? Und wen soll ich denn da „raisen“?

In der Tat dürfte in unserer Region ein relativ hoher Anteil an der Kirchensteuer erwirtschaftet werden, weil mehrere mittelständische Familienunternehmen hier ihren Sitz haben, die Familien den Kirchengemeinden sehr verbunden sind.
Sie unterstützen die Kirchengemeinden der Gegend wirklich großzügig – keine Kirchensanierung läuft ohne Großspende von ihnen. Und ja, es gibt auch schon einige kirchliche Stiftungen, die sie unterstützen. Aber außer diesen Familien haben wir niemanden, den wir angraben könnten. Die Menschen hier waren Arbeiter und Bauern. Ihr Vermögen steckt in ihren Mehrgenerationenhäusern, ihren Ställen, ihrer Landwirtschaftstechnik. Diese Häuser, ihr Land ist in unserer Gegend kaum noch was wert. Da gibt’s keine riesigen Erbschaften.
Und sollen die hiesigen Firmen und wohlhabenden Familien wirklich die verfehlte Finanzpolitik unserer Kirche, – diesem idiotischen Ausbau von Referaten, Profil- und Projektstellen -, noch Vorschub leisten? Sollen sie dafür aufkommen, dass die EKHN alle zwei Jahre ihren Webauftritt verändern kann oder zweimal im Jahr ihre Impulspost verschickt, mit grenzwertiger Botschaft, die bei den meisten Gemeindegliedern als „Werbung“ im Papiermüll landet?

Auch hier noch ein Beispiel, das mir jedes Jahr wieder einen Adrenalin-Schub beschert: Diese tolle Aktion „Autofasten“. Jedes Jahr bekommen meine beiden Gemeinden Infopakete, Plakate, Handzettel dieser Umweltaktion unaufgefordert zugeschickt. Jedes Jahr wieder schmeißen wir sie in die Tonne.
„Autofasten? Wieder so ein Städter-Pfurz!“, würde mein immer noch Auto fahrender 93-jähriger Nachbar sagen.
In einem Dorf, in dem es außer einem Kaugummi- und einem Zigaretten-Automaten keine Geschäfte gibt, keinen Arzt, keine Bank, unter der Woche keinen Ort, an dem man sich treffen könnte, würde Autofasten buchstäblich an Leib und Seele „Verhungern“ bedeuten.
Für diesen Blödsinn werden Wälder abgeholzt, Energie verschwendet und Kirchensteuermittel für Werbeagenturen und Profilstellen rausgehauen. Mehrmals haben wir schon rückgemeldet, dass wir keine Werbemittel der Aktion haben möchten, nie hat man sich daran gehalten.
Das neueste Umweltprojekt der EKHN, „Der grüne Hahn“, fällt auch in diese Kategorie. Da darf ich nun – gesponsert von der Kirche – jemanden bestellen, der uns erzählt, was wir energetisch einsparen werden, wenn wir es uns je leisten können werden würden, unsere Glühbirnen gegen teure LEDs auszutauschen. Momentan sind wir noch in der glücklichen Lage, die kaputten gegen auf Vorrat gekaufte alte Glühbirnen austauschen zu können. Wenn es mit der Finanzausstattung der Kirchengemeinde so weitergeht, wird es aber schon sehr bald zappenduster werden.
Spätestens wenn mit der Doppik auch die 20% Rücklage verpflichtend eingeführt werden muss. Wenn wir also 20% unserer Besitzungen und Besitztümer finanziell ersetzen können müssen. Dann werden wir wohl den gesamten Restbestand der Kollekte in den Haushalt überführen müssen und werden trotzdem freiwerdende Stellen nicht mehr besetzten können, dann ist kein Geld mehr da.

Spätestens dann ist für mich auch der Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr Landpfarrerin sein will.
Wenn ich überlege, was ich derzeit für die Ehre, 70 Stunden die Woche haupt- und ehrenamtlich für die Kirche arbeiten zu dürfen, bezahle, – fürs teure Wohnen im mir viel zu großen Pfarrhaus, den Allrounder-Anspruch und die weiten Wege auf dem Land. Dann kann ich eigentlich auch auf eine schöne halbe Stadtpfarrstelle gehen, wo ich wegen der vielen Prädikanten nur alle 6 Wochen auf die Kanzel muss, Öffis nutzen kann, kein Auto mehr brauche, Car Sharing machen und jedem Sonderangebot hinterher laufen kann…
Und wo ich die Chance habe, dass von unserer Kirchenleitung die Stadtgemeinde und ich als Person wahrgenommen und gehört werden. Langjährige Kollegen in meiner jetzigen Region behaupten dagegen, unsere ländliche Region kenne man „in Darmstadt“ – also bei Kirchenleitung und -verwaltung – nur als „Blinddarm der EKHN“ und halte sie dort für ebenso überflüssig.
So zynisch bin ich noch nicht…
Ich hab‘ noch Träume…
Vielleicht auch nur Illusionen.

Michaela Frischholz

Verwaltungsdienstleistungen für Gemeinden zurückgefahren: manches geht nicht mehr.

04/2017, Remscheider Generalanzeiger

 

…„Wir haben im Gemeindeamt eine deutliche Arbeitsverdichtung festgestellt“, sagt Pfarrerin Manuela Melzer von der lutherischen Gemeinde. „Es ist stressiger geworden.“ …
Und manches geht eben nicht mehr: Früher suchten die Mitarbeiter des Gemeindeamts die Namen der Goldkonfirmanden aus den Kirchbüchern heraus, um sie anzusprechen und einzuladen. Tempi passati. …

 

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